Günter Grass und Martin Walser sind um die achtzig Jahre alt und unverzagt im Unruhestand.
War es der Tornado, der am Donnerstag an Wiener Neustadt vorbeischrammte? Oder machte es die Hitze? Jedenfalls kam es mir an diesem Freitagmorgen, als ich nach Erdberg aufbrach, so vor, als ob sich die Wienerstadt bereits jetzt entleert hat, Mitte Juni, und nicht wie sonst Anfang Juli, wenn alle Kulturbeflissenen zwischen Niederösterreich und Salzburg sommerfrischen.
Sicherlich, wer in diesen Tagen nicht in Venedig, Kassel oder gar in Basel auf der Suche nach der ewigen Jugend ist, der hat den Anschluss versäumt. Aber es war schon etwas unheimlich, um 7.55 Uhr morgens der einzige Mensch auf der Straße und dann im Großraumbüro zu sein.
So ähnlich, dachte ich, muss es sich anfühlen, wenn man alt und verloren ist. Also habe ich mich mit einem Becher Espresso auf mein illegales Bankerl auf dem verbotenen Vordach des Feuilletons gesetzt, den Wetterbericht auf Radio Wien angehört und begonnen, was alle frühpensionierten Lehrer zwischen Graz und Flensburg am Freitagmorgen tun. Ich habe das Feuilleton der „Zeit“ gelesen.
Die Lektüre, liebe MitleserInnen, erwies sich als erbaulich. Auf drei ausladenden Seiten unterhielten sich Martin Walser und Günter Grass über ihre Pläne. Das Interview war gehaltvoller als so manches, was von den Nachgeborenen als Roman bezeichnet wird. Mit der eitlen Würde wirklich großer Schriftsteller zeichneten die beiden voneinander im Dialog ein liebevolles Charakterbild.
Das aber ist nicht wesentlich. Was mich auf meinem Bankerl der journalistisch-senilen Bettflucht so fröhlich stimmte, war der Optimismus dieser in die Jahre gekommenen Lausbuben. Sie sind im Widerstand gegen den Staat wie lange nicht mehr. „Es war noch nie so unerlaubt, älter zu werden als arbeitender Mensch, wie jetzt!“, tönte Walser. Und Grass schwärmte offenherzig von der Tugend der Altersgeilheit.
Da kommt noch was! Grass und Walser, die werden in ferner Zukunft in ihren Schriftsteller-Stiefeln sterben, aufrecht, mit einem fröhlichen Sonett auf den Lippen. Auch die Rolling Stones, hört man, träumen vom plötzlichen Greisen-Tod auf der Bühne. Das muss irgendwann zwischen 2030 und 2040 sein, wenn staatliche Fachkräfte, die heute ihre Lehre beginnen, längst in Pension sind. Wer spricht bei Grass oder Jagger oder jungen Poetinnen wie Elfriede Gerstl von Ruhestand? Die Zukunft gehört der reifenden Unruhe.
Auch beim ORF ist der kurze Frühling des Jugendwahns vorbei. Vera kehrt heim ins Hauptabendprogramm, und die war doch immer okay für uns. Die Richtung stimmt, denke ich mir auf meinem Bankerl, ein Tornado muss her, und füttere die Tauben mit den Bröseln meines gluten-, fett- und zuckerfreien Heidelbeer-Muffins, während in der Firma die Frühaufsteher eintrudeln.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2007)