Gesundheit: Neues Phänomen: Kuschelpartys erreichen Wien

Streicheln in Gruppen – Ausdruck von Einsamkeit oder nur ein Modetrend?

WIEN. Mit fremden Menschen auf Matratzen herumliegen, einander streicheln, umarmen und kuscheln. Ungewöhnlich? Vielleicht, aber solche „Kuschelpartys“ gibt es – jetzt auch in Österreich. 2004 in New York entstanden, erreichte das Phänomen vergangenen Herbst auch Wien.

Es sind vor allem Singles, die unter mangelndem Körperkontakt leiden, und die so dieses Defizit ausgleichen wollen. Allerdings: Es handelt sich um keine Single-Börse. Und auch Sex ist tabu. Wird es zu intim, schreiten die Betreuer ein. „Sobald jemand unter das T-Shirt greift, bitte ich die Teilnehmer, in der Kuschelenergie zu bleiben“, sagt Kuschel-Trainer Markus Peter Stany.

Er bezeichnet die Übungen als „therapeutisches Kuscheln“, bei dem Spannungen abgebaut werden, „und das Immunsystem wird gestärkt“. Dabei ist vor allem langsames Herangehen wichtig. Nach einer Kennenlern-Runde und Erklärungen über die medizinischen Hintergründe des Kuschelns kommt es zu ersten Berührungsübungen – mit Anleitung. Als Höhepunkt bildet sich ein Menschenknäuel, in dem umarmt, liebkost und gestreichelt wird.

Raufen mit Schaumstoff

Etwas weiter gehen „Rauf- und Kuschelpartys“. Hier wird vor dem Kuscheln gerauft oder mit Schlägern aus Schaumstoff aufeinander eingeschlagen – „ganz spielerisch, wie bei Katzen“, wie Petra Ruschp erklärt. Die Trainerin, die an der Rauf-Akademie in München ausgebildet wurde, betont dabei die Freiwilligkeit: „Man darf auch Nein sagen.“

Die Gäste – zumeist 10 bis 15 Teilnehmer – sind „von 25 bis über 70 Jahre alt“, so Ruschp. Und sie bemühe sich, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen herzustellen. Und wenn nicht? „Was spricht dagegen, wenn Männer mit Männern und Frauen mit Frauen kuscheln?“ Die Teilnahme kostet, je nach Anbieter, 20 bis 25 Euro, Getränke und Snacks inklusive.

Sind solche Partys nun Ausdruck von Vereinsamung in Städten? „Ich halte das für eine zeitgeistige Strömung“, sagt Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer. Solche Übungen seien gar nicht so neu, sondern schon lange Teil gruppendynamischer Sitzungen. Aber natürlich sei Zärtlichkeit ein Grundbedürfnis, so Ehmayer, „und vielleicht traut man sich jetzt, sich dazu zu bekennen“.

www.kuschelfreunde.org
www.rauf-und-kuschelparty.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2007)

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