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Scheiberlspiel und Schmieranski-Team

Egoth Verlag
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Hugo Meisl: Der Schöpfer des österreichischen Fußballwunders vor dem 2. Weltkrieg, oder: Wie ein deutsch-jüdischer „Böhm'“ den Profi-Sport gesellschaftsfähig machte.

Am 17. Februar 1937 um 11.30 Uhr hat der Chef der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft, Hugo Meisl, eine Besprechung im Fußballbund. Der Kicker Richard Fischer von der Vienna macht ihm einen guten Eindruck. „Wie alt sind S' denn wirklich? Für Ihren Sektionsleiter sind Sie nämlich schon seit drei Jahren 17!“ Fischer lacht höflich, will antworten, da bittet Meisl um Entschuldigung. Er muss sich setzen. Ihm ist übel. Kaum hat er sich gesetzt, sinkt sein Kopf auf den Schreibtisch. Fischer eilt hinaus, ruft: „Hilfe, dem Herrn Meisl geht's schlecht!“ Ein Sekretär eilt zu Hilfe, bettet den bewusstlosen Mann auf einen Diwan, man ruft die Rettung. Austria-Präsident Emanuel Schwarz, der sich im Haus befindet, stürmt herein, untersucht den massigen Körper seines Freundes und konstatiert: „Nichts mehr zu machen. Herzschlag.“ Meisls Herz hatte der ständigen Überbeanspruchung, aber auch den Unmengen an Kaffee und Zigaretten nicht mehr standgehalten. Um 15.20 geht ein Telegramm an die FIFA in Zürich, das Entsetzen in Europa auslöst: „Hugo Meisl heute an Herzschlag gestorben. Österreichischer Fußballbund.“


Pionier des Profi-Fußballs

So schildern die Enkel des wohl berühmtesten österreichischen Teamchefs, Andreas und Wolfgang Hafner, die letzten Sekunden im Leben Hugo Meisls. „Die Erfindung des modernen Fußballs“ nennen sie ihr soeben erschienenes Buch. Zu Recht. Denn der Schöpfer des legendären „Wunderteams“ der Zwanziger- und Dreißigerjahre wurde nicht allein wegen der sensationellen Siegesserie der österreichischen Kicker weltberühmt. Er war der Schöpfer des europäischen Profi-Fußballs und des Vorläufers der heutigen „Champions-League“.

Ein deutsch-jüdischer „Böhm'“, also ein waschechter Wiener. Ein Sprachengenie und ein grantiger Kaffeehaus-Stratege. Ein Patriot, der den Anschluss an Deutschland nicht mehr erleben musste, der durch den Tod mit 55 Jahren dem Exil, der Verfolgung oder der Auslöschung zuvorgekommen ist.

In Maleschau (heute Malesov), siebzig Kilometer östlich von Prag, bei Kuttenberg, sprach man 1881 daheim deutsch, verständigte sich tschechisch und betete – hebräisch. Ein Vorfahr hatte als „Textilbaron“ die Erhebung in den Adelsstand abgelehnt, weil er sich hätte taufen lassen müssen.

Der Deutsche Turnerbund kam für sportbegeisterte Juden nicht in Frage, die englischen „modernen“ Spiele wie Cricket, Hockey – und Fußball sehr wohl. Das „runde Leder“ sollte den jungen Mann, der inzwischen mit Familie in die „Reichshaupt- und Residenzstadt“ übersiedelt war, sein Leben lang nicht mehr loslassen. Kaufmännischer Angestellter bei der „Länderbank“ – das war der Brotberuf. Aber Spieler beim „Vienna Cricket and Football Club“ – das war sein Leben. Der 1. Weltkrieg sieht ihn als mehrfach ausgezeichneten Offizier an der Isonzo-Front, was seiner späteren Italien-Vorliebe überhaupt keinen Abbruch tut.


Wiener Verbandskapitän

1919, in ärgster wirtschaftlicher Not des kleinen Österreich, hat man wenig Sinn für Freizeitsport. Meisl gründet dennoch das „Neue Wiener Sportblatt“, das sich recht und schlecht verkauft. Er ist Wiener Verbandskapitän – ein Titel ohne Mittel – und 1922 Schiedsrichter beim Ländermatch Schweiz gegen Italien. Die internationalen Kontakte werden für ihn immer wichtiger. Als multinationaler Altösterreicher spricht er Deutsch, Tschechisch, Italienisch, Französisch und Englisch perfekt, weitere Sprachen wie Schwedisch, Spanisch und Holländisch fließend. Karl Sesta, der Verteidiger im „Wunderteam“, sollte später einmal spötteln: „Unser Teamchef böhmakelt in 24 Sprachen!“ So wird Meisl langsam zur Drehscheibe in den Anfängen des internationalen Fußballbetriebs.

In seine Zeit als Verbandskapitän fällt die Formung einer Nationalmannschaft, die in Wahrheit die Wiener Stadtauswahl war: Das „Wunderteam“. Manche Namen klingen heute noch nach: Hiden, Schrameis, Blum, Braun, Smistik, Gall, Zischek, Nausch, Sesta, Gschweidl, Sindelar, Schall, Vogl. Und Hugo Meisl natürlich, „der Chef“. Dabei begann die Story dieses bewunderten Teams mit einem Desaster – 1929. Das Match gegen Süddeutschland in Nürnberg endete mit einem 0:5-Debakel – die bisher größte Katastrophe des österreichischen Fußballs, die höchste Niederlage, die Hugo Meisl als Bundeskapitän einstecken musste. Zornig schrieb das „Kleine Blatt“ in Wien: „ . . . Im Verband bedauert man nur, dass im Team kein Spieler von Hakoah tätig war – da kann man nun nicht sagen: der Jud war schuld.“


„Sport ist Sport . . .“

Da ist er wieder, der in Wien besonders gepflegte Antisemitismus, dem Hugo Meisl dadurch zu entgehen trachtete, dass er von Politik nichts wissen wollte. Als sich 1936 einige jüdische Hakoah-Weltklasseschwimmerinnen weigerten, an den Olympischen Spielen in Hitlers Berlin teilzunehmen, war Meisl empört: „Sport ist Sport und Politik ist Politik!“

Genauso dürfte der Ausnahmespieler Mathias Sindelar die Dinge gesehen haben. Meisl wusste um die Genialität des hageren „Papierenen“, setzte ihn aber nicht immer ein. Worauf 1931 die Sportjournalisten den Aufstand probten. Zornig stellte Meisl also doch wieder Sindelar auf: „Da habt's euer Schmieranski-Team“. Es sollte das beste der Welt werden. Ein Beweis dafür, dass Sportberichterstatter eben doch keine besserwisserischen Kritikaster sind. In Wahrheit hatten die „Schmieranskis“ weniger Einfluss, als der Teamchef sie glauben ließ. Da steckte viel taktische und psychologische Raffinesse hinter Meisls Aufstellungen. Was die Fußballwelt so begeisterte, war ein völlig neuer Stil dieser Mannschaft, die Schnelligkeit der Außenstürmer, die Eleganz und Übersicht Sindelars, die traumwandlerische Kombinationssicherheit des ganzen Teams, sodass der Sieg „eigentlich ohne besonderen Kampf geradezu rein spielerisch und künstlerisch erfochten wurde“, wie der „Sport-Montag“ einmal begeistert schrieb.


„Wienerischer Schönheitssinn“

Noch hübscher die Beurteilung der „Arbeiter-Zeitung“ 1931: „Gewiss, es gibt noch wichtigere Dinge auf der Welt, aber es ist schließlich doch ein Dokument wienerischen Schönheitssinnes, wienerischer Phantasie und wienerischer Begeisterung . . .“ Und das, obwohl die Spieler – zumindest die Rapidler – vor dem Match traditionellerweise Suppe, Wiener Schnitzel und Erdäpfel zu sich nahmen.

Auf Hugo Meisl, den heute vielfach längst Vergessenen, ist die Einführung des Professionalismus zurückzuführen, sodass Österreich 1924 zum ersten kontinentaleuropäischen Land mit einer eigenen Profi-Liga wurde – ob dies dem Sport zum Vorteil gereichte, bleibe dahingestellt. Aber Hugo Meisl war auch für die europäische Fußballgeschichte von großer Bedeutung. So war er entscheidend an der Schaffung des Mitropa-Cups, dem Vorläufer der „Champions League“ beteiligt, sowie der Schaffung des Europapokals, welcher der Vorläufer der Europameisterschaft war.


Das „Brasilien“ von damals

Meisls „Wunderteam“ blieb vom 12. April 1931 bis 23. Oktober 1932 14 Spiele in Folge ungeschlagen (elf Siege, drei Unentschieden). Höhepunkt dieser Serie war der sensationelle 5:0-Sieg über Schottland am 16. Mai 1931 in Wien, die erste Niederlage für die Schotten auf dem europäischen Kontinent.

Deutschland wurde mit 6:0 (Berlin) und 5:0 (Wien) gleich zweimal deklassiert. Den Schweizern erging es mit einem 2:0 (Wien) und 8:1 (Basel) nicht viel besser. Italien schlug man mit 2:1 (Wien), Ungarn mit 8:2 (Wien). Ein 3:4 gegen das Fußball-Mutterland England am 7. Dezember 1933 an der Londoner Stamford Bridge beendete schließlich die Serie ungeschlagener Spiele. Die Presse berichtete von einem einmaligen Fußballfest, bei dem sich robuste Kollektivkämpfer (England) und individualistische Filigrantechniker (Österreich) gegenübergestanden hätten und beide Teams sich als Sieger fühlen durften. Noch heute erinnert eine Gedenktafel in Wembley an das berühmte Spiel. Österreich war gewissermaßen das Brasilien jener Jahre.

Nur vier Tage später schlug das „Wunderteam“ Belgien in Brüssel mit 6:1. Bis zum Halbfinale der WM 1934 sollten Meisls Kicker nur noch eine Niederlage kassieren (1:2 gegen die Tschechoslowakei). Das 0:1 gegen WM-Gastgeber Italien läutete dann das Ende des Wunders ein.


Sindelars Tod

Das Ende „seines“ ÖFB nach dem „Anschluss“ 1938 musste Meisl nicht mehr erleben. Am 28. März liquidierte Präsident Richard Eberstaller den Verband und erntete dafür folgendes Zeitungslob: „ . . . dass unser Fußballsport trotz aller jüdischen Ränke und Schliche doch in seinem Kern eine gut deutsche Sportbewegung geblieben ist.“

Eine kleine „Rache“ folgte noch: Der 35-jährige Matthias Sindelar, dessen geliebte „Austria“ in „Ostmark Wien“ umbenannt worden war, zog noch einmal beim Abschiedsspiel der österreichische Nationalmannschaft gegen die Deutschen am 3. April 1938 alle Register. Mit 2:0 verabschiedete sich Österreich für sieben grauenvolle Jahre von der Fußballbühne.

Und mit dem Team ging auch sein größter Spieler von der Bühne des Lebens. Am 23. Jänner 1939 schlief Sindelar mit seiner Geliebten in deren Wohnung Wien I., Annagasse 3 ein – sie wachten nicht mehr auf: Kohlenmonoxidvergiftung durch ein schadhaftes Ofenrohr.

Das „Wunderteam“ war einmal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2007)