"Ganz unten": Im Wien Museum Karlsplatz widmet man sich der Entdeckung des Elends.
1904 verkleideten sich der Wiener Journalist Emil Kläger und der Fotograf Hermann Drawe als Sandler und durchkämmten das Kanalsystem der Hauptstadt des Habsburgerreiches. Dort unten dokumentierten sie „Elend und Verbrechen“ der Stadt, obdachlose Männer vor allem, die nur noch eine Schattenexistenz führten. Klägers Reportage war ein immenser Erfolg. Jahrelang liefen seine Lichtbildervorträge, die Wiener konnten sich gar nicht satt sehen an diesen Schockbildern: Alkoholismus, Prostitution, sogar eine wüste Messerrauferei.
Die beiden Aufdecker wurden von der bürgerlichen Presse gelobt, von der Linken wegen Schürens der Sensationsgier getadelt. Aber auch der sozialdemokratische Reporter Max Winter liebte die Camouflage, wenn er für Berichte der Arbeiterzeitung in den Lumpen eines Strotters in die Unterwelt abstieg.
„Ganz unten“ heißt die Sommer-Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz, die bis 28. Oktober läuft. Nicht der Schauer aber ist das Motiv dieser durchdachten Dokumentation, sondern laut Direktor Wolfgang Kos die Reflexion darüber, wie Elend gezeigt wurde. In vier Räumen präsentieren die Kuratoren Margarethe Szeless, Michael Schwarz und Lisa Wögenstein die Thematisierung der Armut in fünf Großstädten im Zeitraum von 1830 bis 1930. Bilder, Zeichnungen, Plakate, Landkarten, Bücher, eine Diashow und Filme werfen Schlaglichter auf das Dunkle, das von den Bürgern als Bedrohung gesehen wurde, besonders als im 19.Jahrhundert Epidemien von Cholera und Tuberkulose wüteten.
Schriftsteller als Sozialreporter
London und Paris, Vorreiter der industriellen Revolution, waren die ersten Metropolen, die sich mit dem Massenelend auseinandersetzten. Charles Dickens und Emile Zola, Schriftsteller, die als Reporter begannen, führen in das Thema ein. Zu sehen sind etwa frühe illustrierte Ausgaben von „Oliver Twist“ , „Der Bauch von Paris“ und „Der Totschläger“. Zola hat minutiös Pläne für seine Romane angefertigt. Auch ein Frühwerk von Friedrich Engels gibt es – „Die Lage der Arbeitenden Klasse in England“ (1844). Er geißelte nach seiner Fact-Finding-Mission die barbarische Rücksichtslosigkeit und egoistische Härte, die man hinter den „Wundern der Civilisation“ entdecke.
Wissenschaftlich hat sich Charles Booth in der damals größten Stadt der Welt mit dem Phänomen der Armut auseinandergesetzt. Seine „Descriptive Maps of London Poverty“ (1889) beschreiben, wo Oberschicht, Mittelstand und Unterschicht wohnten. An den Eisenbahnlinien und großen Ausfallstraßen residierte damals nicht selten die Upper Class, aber gleich um die Ecke, bei den Docks, nahe den Fabriken, hauste das Elend.
Es beeindrucken die große Künstler: „Bilder vom Elend“ der Käthe Kollwitz, Gustav Dorés Zeichnungen in London, „A Pilgrimage“ (1872), die Berliner Milieuschilderungen des Heinrich Zille, seine deprimierenden „Kinder der Straße“ (1908), immer auch mit Sentiment versehen. Das nackte Elend wird in Fotografien offenbar, etwa jenen aus der Pariser Morgue: Das „Kind aus der Rue du Vert-bois“ (1886) bleibt ein Schock, so wie auch die Bilder des Polizeireporters Jacob A. Riis, der für die „New York Tribune“ die Armenviertel dokumentierte: „How the Other Half Lives“ (1890) zeigt die finstersten Gegenden von Manhattan. Seine Bilder von Five Points wurden zur Vorlage für Martin Scorseses „Gangs of New York“. Dessen Film entspricht dem Grundgefühl, das beim Besuch der Schau entsteht.
Täglich außer Montag, 8 bis 18 Uhr. Sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Katalog „Ganz unten“, Christian Brandstätter Verlag, 24 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2007)