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„Der Kunstunterricht wird an den Rand gedrängt“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Kunst und Kultur werden an Österreichs Schulen sträflich vernachlässigt, sagen Künstler und Wissenschaftler. Bildungsministerin Schmied hat eine Trendwende angekündigt. Probleme im Überblick.

Es ist ein düsteres Bild, das prominente Vertreter aus Kunst und Wissenschaft vom Kunstunterricht an Österreichs Schulen zeichnen: Bildnerische Erziehung, Musik und Werken hätten letzte Priorität, bei Einsparungen werde hier zuerst gekürzt, es gebe keine politische Unterstützung.

Unter ihrer Ägide werde das anders, betont SP-Bildungsministerin Claudia Schmied. Sie setze sich dafür ein, „dass die kulturelle Bildung einen höheren Stellenwert bekommt“. Die Ausgangslage:
Kreativitätsfeindlichkeit: „In Österreichs Schulen ist kein Platz für Kreativität. Das Ziel ist nicht, die Kritik- oder Artikulationsfähigkeit der jungen Menschen zu fördern. Es geht nur um Wissensanhäufung“, beklagt Erwin Wurm, international erfolgreicher Künstler und Professor an der Wiener Uni für angewandte Kunst. Doch: „Fehlt die Kunsterziehung in der Schule, geht etwas Wichtiges verloren: für den kritischen Diskurs, das demokratische Verständnis.“ Mit konkreten Auswirkungen: „Das ist auch die Frage, ob Technokraten unsere Stadt gestalten oder Menschen mit Sensibilität.“
Kunst hat keinen Wert:Das Educult-Institut für Vermittlung von Kunst und Wissenschaft erstellt bis Herbst eine Studie über die kulturelle Bildung für das Ministerium. Die Situation scheint wenig rosig: „Noch nie wurden Kunst und Kultur so wenig als zentraler Punkt der Schulausbildung gesehen wie heute“, sagt Leiter Michael Wimmer.

„Das Ästhetische wird immer nur beiläufig behandelt“, beklagt Herbert Lachmayer, Professor am Institut für bildende Kunst- und Kulturwissenschaften in Linz und Vorstand des Da-Ponte-Instituts. „Aber Kultur ist kein Prestige-Konsumprodukt. Sie ist unglaublich wichtig zur Ausbildung der ,Geschmacksintelligenz‘, und ohne die gibt es keinen Individualismus. Kunst hilft uns, uns in der Welt zu orientieren. Wer damit nicht umgehen kann, ist benachteiligt.“
Stundenkürzungen: Durch die Schulautonomie wurde an den AHS das Minimum an Kunstunterricht von sieben auf sechs Wochenstunden herabgesetzt, das Maximum sind 12 Stunden. Christine Gürtelschmied, Fachschulinspektorin für Musik: „Teilweise gab es Rückgänge. Das ist aber nicht dramatisch, weil dafür anderswo ein Musikschwerpunkt gesetzt wurde.“

Und insgesamt? „Wir haben kein empirisches Material über das Ausmaß an Kürzungen“, sagt Wimmer. Eigentliches Problemkind sei zudem nicht die AHS, sondern die berufsbildende Schule. „40 Prozent der 14- bis 19-Jährigen haben gar keinen Kunstunterricht. Ein Skandal“, findet Wimmer. Genau wie die Tatsache, dass man sich in der 7. Klasse AHS zwischen Zeichnen und Musik entscheiden muss.
Lobby fehlt: „Der Kunstunterricht hat es schwer, sich gegen Naturwissenschaften oder Sprachen durchzusetzen. Er wird an den Rand gedrängt“, beklagt Wimmer. Die Lehrpläne würden Stundenkürzungen ermöglichen. Kunstlehrer hätten nämlich eine deutlich kleinere Lobby als etwa Sportlehrer.
Unqualifizierte Lehrer: „Es gibt eine große Anzahl ungeprüfter Kunstlehrer. Wie viele wissen wir nicht, das Ministerium weigert sich, Zahlen herauszugeben“, sagt Wurm verärgert. Wimmer dazu: „Es gibt eine Reihe sehr berechtigter Sorgen. Etwa, dass bei der Ausbildung von Volks- und Hauptschullehrern der Fachaspekt vernachlässigt wird.“ Ob deshalb die Qualität abgenommen hat, könne man aber nur vermuten. „Hier sind wir bei der Evaluierung ganz am Anfang.“


Kunst als Querschnittsmaterie

Derzeit sammelt Educult „Best Practice“-Beispiele aus Österreich, darunter ein Architekturwettbewerb für Schüler, ein Textilprojekt mit der Uni für angewandte Kunst oder eine Musicalproduction.

Im Alltag könne man den Unterricht durch die Verschränkung von Schule und Kunst attraktiver gestalten, zum Beispiel Künstler einladen, schlägt Wimmer vor. Außerdem sollen Kunstlehrer interdisziplinär mit anderen Fachlehrern zusammenarbeiten. Als Querschnittsmaterie gilt Kunst übrigens jetzt schon, sagt Gürtelschmied. „In den Lehrplänen ist vorgeschrieben“, dass Kunst und Kultur in jedem Fach berücksichtigt werden müssen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2007)