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Lettland: Ein Umschlag für den Herrn Doktor

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie dankbar dürfen Patienten sein? Ärzte bessern durch heimlich zugestecktes Bargeld ihr Gehalt auf.

Riga.Seit der Wahl des Chirurgen Valdis Zatlers zu Lettlands nächstem Präsidenten ist eine weit verbreitete Unsitte wieder zum heißen Thema geworden: Heimlich stecken dort Patienten dem Arzt ihres Vertrauens Umschläge zu, um ihn wohlwollend zu stimmen und vielleicht den einen oder anderen Termin schneller zu ergattern. Gefüllt ist das Kuvert mit mehr oder weniger Bargeld.

Nun muss auch das Staatsoberhaupt in spe einräumen, dass er „Geschenke dankbarer Patienten“ angenommen und diese Zuwendungen nicht versteuert hat. Jetzt wartet eine Steuernachzahlung auf Valdis Zatler. Und die Debatte dreht sich weiter: Sind die mit Geldscheinen gefüllten Kuverts im öffentlichen Gesundheitswesen inakzeptabel, wie das Anti-Korruptions-Institut „Delna“ meint? Oder muss man den Patienten „erlauben, ihren Ärzten zu danken“, wie Gesundheitsminister Vinets Veldre glaubt?


Bakschisch-Preislisten

Die Praxis ist in Lettland gang und gäbe – und hat schon einmal einem Gesundheitsminister den Job gekostet. 2003 musste der eben erst ernannte Aris Auders von seinem Ministerposten zurücktreten, weil er zuvor als Arzt von seinen Kunden mehr als 50.000 Euro eingestreift hatte. Auders rechtfertigte sich, dies sei in seiner Branche eben üblich. Bis dahin hatten die Verantwortlichen die Augen verschlossen, wenn Ärzte doppelt kassierten. Unter Patienten kursierten sogar inoffizielle Listen, was als Bakschisch so erwartet werde: von drei Euro für die Sprechstunde bis zu 1500 für eine größere Operation.

Als jüngst Narkoseärzte wegen ihres Hungerlohns von umgerechnet 430 Euro streikten, rechnete ihnen die Regierung vor, dass sie dank der „Kuvert-Ökonomie“ in Wirklichkeit das Dreifache kassierten. Das offizielle Durchschnittsgehalt der Ärzte ist inzwischen auf 630 Euro angehoben worden, aber auch dieses hält viele nicht in Praxis und Klinik, wenn sie in Skandinavien das Zehn- bis Zwanzigfache verdienen können. Für eine Anhebung der Löhne auf Europaniveau gibt es im lettischen Sozialbudget kein Geld.

2004 hatte der damalige Gesundheitsminister zwar einen Gesetzesentwurf zum Verbot der Geschenkannahme erstellt. Verabschiedet wurde das Gesetz bis heute nicht. „Ein Beispiel für die wirkungsvolle Ärzte-Lobby“, meint Delna-Chef Aleksejs Loskutovs. Der Ärzteverband will die Zahlungen legalisieren. Außerdem sollten sie steuerfrei sein, sonst würden sich „Patienten und Mediziner betrogen fühlen“.

So weit will Lettlands Gesundheitsminister nicht gehen. Versteuert müssten die Gelder werden. Aber: „Dankbarkeit muss gestattet sein“. „In anderen Ländern hieße dies Korruption“, kommentiert Loskutovs säuerlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2007)