Geschichte: Etrusker doch aus Anatolien?

Diese Alabasterurne aus Volterra zeigt den Verstorbenen als Haruspex. Die Wissenschaft des Lesens aus Lebern könnte aus Asien nach Italien gekommen sein.
Diese Alabasterurne aus Volterra zeigt den Verstorbenen als Haruspex. Die Wissenschaft des Lesens aus Lebern könnte aus Asien nach Italien gekommen sein. (c) Museo Guarnacci
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Aus Lydien zur See nach Umbrien: Genetische Analysen sprechen für Herodots Darstellung. Sie passen auch gut zu einer Tafel von der Insel Lemnos.

Als Atys, der Sohn des Manes, König war, kam eine fürchterliche Hungersnot über ganz Lydien“, heißt es bei Herodot (484 bis 424 v.Chr.). Um sich vom Hunger abzulenken, hätten die Lydier zunächst „das Würfelspiel, das Knöchelspiel, das Ballspiel und alle anderen Spiele“ erfunden (das „Brettspiel“ nimmt Herodot ausdrücklich aus). Doch als die Not nach 18 Jahren noch nicht nachgelassen hatte, reagierte Atys: „Der König teilte das lydische Volk in zwei Gruppen; das Los entschied, welche im Land bleiben durfte und welche es verlassen musste.“ Die Auswanderer aus Smyrna (heute: Izmir), geführt von Atys' Sohn Tyrrhenos, „gelangten schließlich zu den Umbrern; dort bauten sie Städte, und dort wohnen sie bis heute.“

Diese Geschichte war schon in der Antike umstritten; heute ist sie vor allem bei italienischen Forschern passé, sie klingt wohl zu sehr nach konstruiertem Ursprungsmythos, à la „Aeneis“, wo Rom auf Troja zurückgeführt und so das Imperium des Augustus geadelt und historisch legitimiert wird. Mehr Anklang findet die „autochtone Theorie“ des Dionysios von Halikarnassos (54 v.Chr. bis 8 n.Chr.): Die Kultur der Etrusker habe sich kontinuierlich in Mittelitalien entwickelt.

Den heute beliebten Kompromiss vertrat etwa der italienische Etruskologe und Archäologe Massimo Pallottino (1909 bis 1995): Die alt-mediterrane Bauernkultur sei immer wieder von Einwanderern beeinflusst worden: aus dem Osten (z.B. phönizische Seefahrer), aber auch aus dem Norden (Italiker). Die Schicht der Einwanderer aus Kleinasien sei aber sehr dünn gewesen.

Dagegen spricht nun ein genetischer Befund, den der Genetiker Alberto Piazza (Universität Turin) bei der Jahreskonferenz der European Society of Human Genetics präsentierte: Verglichen wurden DNA-Proben von Menschen aus drei Orten in der Toskana – zwei davon, Murlo und Volterra, im etruskischen Gebiet, einer (Casentino) außerhalb) –, aus Norditalien, Sizilien, Sardinien, dem südlichen Balkan, der Türkei sowie der griechischen Insel Lemnos.

Lemnos lag auf dem Weg

„Wir fanden, dass die DNA-Proben aus Murlo und Volterra mit denen aus dem Nahen Osten näher verwandt sind als die der anderen italienischen Proben“, erklärt Piazza. Eine in Murlo gefundene genetische Variante sei sonst nur in der Türkei vertreten. Am ähnlichsten aber seien die toskanischen Proben denen aus Lemnos.

Das passt Freunden der Herodot-These gut. Denn die etruskische Sprache war mit größter Wahrscheinlichkeit nicht indoeuropäisch, sie ähnelt auch keinen anderen lebenden oder toten Sprachen, mit zwei Ausnahmen: Rätisch – das in vorrömischer Zeit im östlichen Alpenraum gesprochen wurde – und eben Lemnisch. Beide sind karg belegt, noch viel karger als das Etruskische. Auf einer Grabstele auf Lemnos fand man jedoch Wörter, die etruskischen stark ähneln, auch die Schrift ist ähnlich. Das würde gut zur Herodot passen, nach dem die lydischen Emigranten „an vielen Orten vorbeikamen“, Lemnos lag sozusagen auf dem Weg.

Manche Forscher sehen auch Ähnlichkeiten zwischen Etruskisch und alt-anatolischen Sprachen wie Lydisch oder Luwisch. „Doch da ist sich die Sprachwissenschaft gar nicht einig“, meint die Wiener Etruskologin Petra Amann, „diese Sprachen sind auch sehr schlecht bezeugt.“

Gefragt: Antike DNA

Die genetischen Befunde sieht Amann leicht skeptisch: „Da ist inzwischen so viel Geschichte passiert in der Türkei und in Italien! Wirklich spannend wären Vergleiche antiker DNA.“ (Die Piazza bereits plant.) Aber auch sie spricht von „einigen Indizien für einen Zusammenhang der Etrusker mit Kleinasien“: etwa die Wortwurzel „Turs“ (von der sich z.B. der griechische Name „Tyrsenoi“ ableitet), die am ehesten in der nordöstlichen Ägäis daheim ist.

Gibt es auch kulturelle Indizien? Die von den Etruskern systematisch betriebene Leberschau (siehe Kasten) könnte aus dem Osten stammen, meint Amann. Sie warnt aber davor, jeden orientalischen Einfluss in Etrurien als Beweis für Einwanderung zu sehen: „Im siebten Jahrhundert waren die Verbindungen der Etrusker zum Orient stark, etwa durch Eisenhandel, man könnte von Orientalismus sprechen, so ähneln die frühen Tumulus-Gräber in Cerveteri den Gräber in Lydien. Eine etwaige Einwanderung müsste aber viel früher stattgefunden haben.“

Für Wanderung spricht noch eine zweite genetische Studie – nicht an Menschen, sondern Rindern. Laut italienischen Genetikern um Luigi Cavalli-Sforza (Proceedings B, 14.2.) haben sechs von elf heutigen italienischen Rinderrassen – vier davon im Etrusker-Gebiet beheimatet – Gene aus Anatolien.

OFFENBARUNGSRELIGION

Von römischen Autoren wissen wir, dass die Etrusker „heilige Bücher“ hatten, deren Inhalt sie auf Verkündigung durch Propheten (wie das greise Kind „Tages“) zurückführten. Darin lasen sie z.B. über Deutung von Blitzen, über Leberschau, die Errichtung von Städten, die Begrenztheit der Zeit in „saecula“ – des individuellen Lebens (mit 12x7=84 Jahren), aber auch ihrer eigenen Kultur. Diese ist in den Regionen Toskana, Umbrien und Latium für die Zeit zwischen 800 und 100 v.Chr. nachweisbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2007)

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