Ich und ich über und und und

Ein Rausch ist kein Kinderspaß, der zweimal geborene Dionysos ist kein Bacardi-Kasperl.

Letztens, anlässlich einer von uns standesgemäß hinausposaunten Revolution der Genetik, habe ich mich zu einer flapsigen anti-holistischen Polemik hinreißen lassen: Der beliebte Zeigefinger-Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ sei eine Trivialität, schrieb ich, es trete ja jedenfalls das Bindewort „und“ dazu, es komme nur darauf an, wie stark dieses jeweils binde.

Wie ich das denn meinte, fragten etliche treue Leser, ob ich das nicht genauer erklären könnte.

Ja, sicher. „Und“ ist nicht gleich „und“, es gibt verschiedene Arten der mit dem Wort „und“ beschriebenen Verknüpfung, die den Charakter der zu verknüpfenden Objekte unterschiedlich stark ändern und/oder in ein Drittes, Neues überführen.

Man denke z.B. an das „&“-Zeichen, das zwei Kompagnons zu einer Firma verbindet, auf Englisch „ampersand“ gesprochen, was von „and per se and“ kommt, was man am ehesten rätselhaft als „und im Sinne von und“ übersetzen kann. An das lässig synkopierte „'n'“, das Rock und Roll oder Rhythm und Blues zusammenschweißt; den Unterschied zwischen „R'n'B“ und „R & B“ hört man. An die Rastafaris in Jamaika und überall, die darauf bestehen, statt „wir“ lieber „ich und ich“ zu sagen, vielleicht, weil es nach mehr klingt. Oder an die verschlungenen Ringe, die eine Ehe symbolisieren, wobei es wieder stark darauf ankommt, ob die Ehe Kinder, dieses „und“ also ein lebendiges Produkt hervorbringen soll, was dem Mittelschulmathematiker in den Ohren wehtun sollte.

In der Arithmetik selbst ist es schon schlimm genug. Man überlege sich nur: 3 und 5 sind ungerade Primzahlen, 3+5 (gesprochen oft als „drei und fünf“), also 8, ist gerade und keine Primzahl, da hat sich also einiges verändert, da sind durch simple Addition ganz neue Eigenschaften entstanden.

In anderen Fällen kann man sich nicht einmal darauf verlassen, dass die „Und“-Operation kommutativ (vertauschbar) ist: Bei Wasser und Schwefelsäure ist es z.B. nicht egal, ob man Wasser in die Säure schüttet oder umgekehrt, Ersteres kann ins Auge gehen. Überhaupt die Chemie: Wasserstoff und Sauerstoff ist (zuerst) ein explosives Gemisch und (dann) eine erfrischende Flüssigkeit. Die wiederum gern CO2 löst, worauf das Produkt (oder die Summe?) sich ohne Erregung öffentlichen Ärgernisses mit Wein mischen lässt, womit wir bei dem Getränk wären, das in der ersten Kolumne des Sommers gerade noch ohne Peinlichkeit vorkommen darf.


Apropos, und um den allmählich auskühlenden Komatrinken-Diskurs wieder anzuheizen: Es ist unwürdig und schädlich, alkoholische und süße Getränke zu mischen. Es verschleiert das Wesen der alkoholischen Gärung (mit der Brutto-Reaktionsgleichung:C6H12O6 = 2C2H5OH + 2CO2), die den Zucker in Alkohol verwandelt (und nur Restsüße lässt); zugleich verschleiert es das Wesen des Rausches, der kein Kinderspaß ist: Der zweimal geborene Dionysos ist kein Bacardi-Kasperl.

Wobei das öffentliche Trinken bis zur Bewusstlosigkeit vielleicht auch als aktionistischer Protest gegen das Stahlbad des Spaßes zu verstehen ist. Der Komatrinker erfüllt das ubiquitäre Spaß-Gebot so ernsthaft, so konsequent, dass ihm endlich Ärzte und Autoritäten das Gelingen bestätigen und sagen: Das ist aber kein Spaß mehr.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2007)

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