Die Albertina zeigt Aboriginal Art aus der Sammlung ihres Mäzens Donald Kahn. "Desert Dreaming", ritualisierte Land Art auf Leinwand. Meditativ.
Keilschwanz-Adler, Dingo, Zwerg-Känguruh, Wasser- und Milchstraßen-Träume: Die Albertina zeigt Aboriginal Art aus der Sammlung Donald Kahn. Er finanzierte der Grafischen Sammlung die Kahn-Galleries und ist Sponsor der Salzburger Festspiele. Der gebürtige New Yorker (81), der in London und Salzburg lebt und gelegentlich durch kritische Äußerungen über moderne Regisseure wie Peter Sellars irritiert, sammelt nur Aboriginal Art, obwohl er sich gewiss auch Klassische Moderne leisten könnte. Warum? „In einer Ausstellung in New York sah ich die Bilder erstmals in den Achtzigern. Ich war überwältigt“, sagt Kahn, dessen Vermögen aus dem Verlags- und Medienbereich stammt.
Er habe Australien auch bereist und erlebt, wie die Kunstwerke nicht nur auf Leinwand, sondern auch in der freien Natur entstehen, aus Holzkohle, Erde, Rinden, Blättern. „Diese Land Art ist so groß wie die ganze Albertina“, die „was erwarten Sie anderes?“, Kahns Lieblingsmuseum in Wien ist. Überhaupt Österreich: „Wir lebten früher in New York und Miami. Die Menschen in Salzburg haben uns so freundlich willkommen geheißen, dass wir umgezogen sind“, schwärmt Kahn.
Seine Aborigines-Sammlung stammt aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, bevor der ganz große Run auf diese ursprüngliche Kunstform einsetzte, die heute stark kommerzialisiert ist. Kunst ist, neben Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Aborigines. Fans ihrer Kunst sind gut beraten, genau zu schauen, was sie kaufen. Gutes ist teuer. Kahn konnte noch Gemälde für 1000 Australische Dollar erwerben. Erst mit der Kolonisierung begannen die australischen Ureinwohner, angeleitet von Missionaren, Leinwand und Pinsel zu verwenden. Vorher arbeiteten sie nur in der Natur. Ihre Visionen waren geheim. Was die Ahnen in Träumen übermittelten, durfte nicht verraten werden. Die Gemälde wirken noch immer rätselhaft. Die Struktur entsteht durch Punkte, Kreise, die nach einem präzisen Schema angeordnet zu sein scheinen.
Wenn man länger hinsieht, verändern sich die Bilder, die zuerst gleichförmig wie Suchrätsel in Zeitungen wirken, und die wirbelnden Punktscharen unterscheiden sich immer stärker. Weil man bekanntlich nur sieht, was man weiß, hat die Albertina einen Folder mit Erklärungen der Symbole erarbeitet, die wie Hieroglyphen aussehen. Vielleicht werden sie auch so gelesen wie Bilderrätsel (Rebus). Das dauert.
Nestplatz, Stern und Adler
Schließlich wurden auch die Hieroglyphen erst im 19.Jahrhundert entschlüsselt. Viele der Symbole wirken wie Wegweiser, Piktogramme: Da gibt es Reisewege zu Ritualplätzen, einen Nestplatz, den Fußabdruck eines Menschen, Stern, Adler, Buschbohne.
Die Kultur der Aborigines – einst ein Opfer des Kolonialismus und als „primitivstes Volk der Erde“ verunglimpft – genießt heute hohes Ansehen. Ihre Haltung zum Land, das heilig ist und allen gehört, gefällt nicht nur Esoterikern. Im Zentrum dieser Kultur steht die Traumzeit oder „Jukurrpa“, jene Epoche, in der, lang vor der dokumentierten Erscheinung des Menschen, die Ahnen die Welt erschaffen haben. Durch Meditation kann man ins Totenreich sehen. In der Albertina kann man die Traumzeit nun quasi jederzeit erleben, auf jeden Fall bis 29.8.
INFORMATION: Aborigines
Politisch korrekte Bezeichnung für Völker, die sich selbst Yolngu, Murri oder Nyungar nennen. Öffnungszeiten: Mo/Di/Do–So 10–18h, Mi 10–21h, Tickets: 9.50 (7) Euro, Katalog: 19 Euro. Führungen: Sa, So und an Feiertagen um 15.30h, Dauer: 1h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2007)