Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Ende des Palavers: Letzter Christiansen-Talk

(c) AP (Bernd Kammer)
  • Drucken

Der Stil der "Queen Blabla" hat sich überlebt.

Zum Abschied nach neuneinhalb Jahren wird ihr Horst Köhler die Ehre geben. Nach dem Gespräch mit dem deutschen Präsidenten wird Sonntagabend der Vorhang fallen für Sabine Christiansen und ihre Talk-Show, die zu einer Institution geworden ist – einer sehr fragwürdigen allerdings.

Coram publico schmeichelte ihr einmal der Unions-Politiker Friedrich Merz: „Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag.“ Andere schmähten die Fernsehrunde als „televisionäres Ersatzparlament“. Christiansens zahlreiche Kritiker haben das Ende der „Queen Blabla“ schon vor Jahren hämisch herbeigesehnt. Walter von Rossum sezierte das Phänomen sogar in einem Buch: „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen – Wie das Palaver uns regiert“.

Wie einst zum Kirchgang versammelte sich sonntags die politisch-wirtschaftliche Klasse der Nation – die Westerwelles, Gysis, von Pierers –, um über Deutschland zu richten. Es gebe eben nur 80 interessante Gesprächspartner, hieß es – und außer Papst Benedikt XVI. saßen sie alle zur Rechten oder Linken der hanseatisch kühlen Moderatorin. Es war die Zeit der rot-grünen Koalition, das Land ein einziges Jammertal und Christiansen die Kassandra. „Wie krank ist Deutschland?“, lautete ein signifikanter Titel, der als Leitmotiv dafür stehen könnte.

Allmählich erstarrte die Politsendung zum Ritual. In Erinnerung blieb, wie CSU-Chef Edmund Stoiber Christiansen als „Frau Merkel“ ansprach. Kritiker warfen der ehemaligen Stewardess und „Tagesthemen“-Moderatorin journalistische Unbedarftheit vor. Sie verabsäume es, kritisch nachzufragen, und unterbreche überdies meist zum falschen Zeitpunkt, so der Tenor. Die Quoten indes gaben der Moderatorin recht. Die Zuseher blieben nach dem Sonntagskrimi beim anschließenden Polit-Entertainment hängen. Christiansen selbst stieg in der Promi-Liga an der Seite des Friseurs Udo Walz zur Society-Lady auf.


Die putzmuntere Anne Will folgt nach

Die große Koalition und der Wirtschaftsaufschwung entzogen der Sendung schließlich ihre Grundlage, Leerlauf und Lustlosigkeit stellten sich ein – selbst der schillernde Karl-Heinz Grasser, mehrmals zu Gast, konnte nichts dagegen tun. Christiansens Stil hatte sich überlebt in einer veränderten TV-Landschaft, in der Frank Plasberg in „Hart, aber fair“ seine Gäste auf Herz und Nieren prüfte, Katrin Bauerfeind ihren „Ehrensenf“ im Internet abgab (sie soll demnächst zum echten Fernsehen wechseln).

Wunschnachfolger Günter Jauch zog zurück, und so kommt nun Anne Will zum Zug. Am Sonntag wird die putzmuntere, ironische Nachrichtenfrau – übrigens im Anschluss an die Christiansen-Show – ihre letzten „Tagesthemen“ moderieren. Christiansen kümmert sich auf CNBC weiter um die „Global Player“ der Wirtschaftswelt und wird, wie sie eine Illustrierte wissen ließ, an ihrem Russisch und ihrem Klavierspiel feilen und sich rund um ihren 50.Geburtstag im Herbst selbst beschenken – mit einer Hochzeit mit ihrem französischen Lebensgefährten, einem Jeans-Designer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2007)