Tanz-Festival-Fieber in Österreich: Exotisches und Uraufführungen in Salzburg, Innsbruck, St.Pölten.
45 Minuten soll Bernd R. Bienerts Stück „Hippolytos“ gedauert haben, das zur Eröffnung von „Österreich tanzt“ im Festspielhaus St.Pölten uraufgeführt wurde. Eine Dreiviertelstunde weggetanzt in null Komma nichts. Von Esther Koller, Ausnahmeerscheinung unter den Ausdrucksvollen und Eindrücklichen. Und das ohne einen einzigen Ton. Ein Bienert ohne Musik – geht das? Und wie. Seine Musikalität entspringt dem Kopf und bohrt sich, vermittelt über das Medium Koller, tief in das Innerste des Betrachters.
Bienert reduziert sein Stück auf den stummen Ausdruck der Leiber und Gesichter (neben Koller ist auch Kun-Chen Shi eine Zeit lang lautloser Klang- und Stimmkörper). Sie fungieren als Membran, die die unhörbare Botschaft übermitteln. Bezeichnend, denn Bienert beschäftigt sich in „Hippolytos“ mit Isolation – freiwilliger wie unfreiwilliger. Koller pendelt zwischen Krise und Gefügigkeit, Wut und Zaghaftigkeit. Eine Weile misst sie, halb nackt, ihren Raum – ein Quadrat aus Licht, wie ein Verlies auf den dunklen Boden geworfen – mit Schritten ab, kreuzt ihn, eckt am herabfallenden Dunkel an. Und erinnert so an Natascha Kampusch – auch sie war eine Inspirationsquelle für das Stück.
Zündeln am Sprengstoff Alleinsein
Zweite Uraufführung des Abends: Elio Gervasis „Exit 2–4–1“, ein schweißtreibendes 25-Minuten-Solo für Leoni Wahl, die sich auf die Suche nach ihrem Innersten, nach ihrer Identität macht und auf Ängste, Illusionen, Sexualität stößt, immer auf der Hut und oft am Rande des Wahns. Auch dieses Stück lebt von der starken Präsenz einer effektvoll-dynamischen Tänzerin, die mit allen Sinnen, unter Seufzern am emotionalen Sprengstoff des Alleinseins zündelt. Eine 50-Minuten-Version folgt beim ImPulsTanz.
Noch bis Samstag läuft das Festival in St.Pölten, Liz King zeigt am Freitag ein Tanzstück, das im Burgenland für D.ID/danceidentity entstanden ist. Und Chris Haring zäumt am Samstag das Thema Individuum anders auf: Er entzieht dem Körper seine Identität – und was bleibt? Ein suchtgefährdeter Alien, ein Körper-Junkie. Ein Stück, wie gemacht für Stephanie Cumming. Kuratorin Liz King gibt (auch am Samstag) noch einer weiteren starken Frau die Bühne frei: Anna Tenta hat gemeinsam mit King ein Solo erarbeitet („One Star Hotel“).
Seit Donnerstag sind auch Salzburg und Innsbruck im Festival-Fieber. Wobei die Sommerszene Salzburg neben dem Tanz auch Ausstellungen, Diskussionen, Filme und Konzerte im Programm hat. Alles kreist um Indien und China. Zwei Beispiele: Das Living Dance Studio zeigt am 25.Juni „Report on Giving Birth“, ein Stück über die Rolle der Frau in China; am Dienstag läuft im Rahmen der „Asian Dinner Storys“ (da wird passend zum Thema gekocht – und gegessen) eine Doku über das Großstadtleben der Männer in Delhi.
Tanz pur steht bis 8.Juli beim Tanzsommer Innsbruck am Plan. Hier gibt es zeitgenössischen Tanz aus den USA zu sehen (Alonzo King zeigt zwei neue Stücke; die Multi-Kulti-Kompanie Complexions aus New York thematisiert das Niederreißen von Grenzen), dazu eine klassische Gala, etwas Spanisches (Carmen und Flamenco), Zeitgenössisches aus Korea und ein Solo von James Carlés.
FESTIVALS: Alles Tanz
St.Pölten: „Ö tanzt“ bis 23.6., www.festspielhaus.at, ?02742/908080-222
Salzburg: „Sommerszene Salzburg“ bis 14.7., www.sommerszene.net, ?0662/843448
Innsbruck: „Tanzsommer“ bis 8.7., www.tanzsommer.at, ? 0512-561561
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2007)