Bockiges Publikum!

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Wiens Festwochen enden mit deutlich verringerter Auslastung. Ein Symptom. Viele Theater-Utopien sind gescheitert. Die Mission der Kultur kracht.

Was soll ich mir bei den Festwochen anschauen?, wird alljährlich die Kritikerin gefragt. Sie muss passen. Die Festwochen sind ein Überraschungspackerl. Doch immer weniger Besucher wollen sich überraschen lassen. Das wurde heuer offenkundig. Luc Bondys „Lear“-Inszenierung mit Gert Voss im Burgtheater wurde gestürmt, ebenso ausverkauft: „Was ihr wollt“ in der Regie von Peter Zadek. Doch das Gastspiel musste wegen Erkrankung des Regisseurs abgesagt werden: 4000 Karten kamen retour.

Viele Zuschauer wollen Namen. Frühere Festwochen lieferten sie, wenn auch immer dieselben: Bondy und Frank Castorf, Peter Zadek und Peter Brook. Diealten großen Stars sind teilweise verbraucht. Was bieten die Neuen? Immer mehr Sachen, unter denen man sich wenig vorstellen kann. Wer traut schon beflissenen Werbetexten? Noch dazu, wenn sie bloß Schlagworte dreschen: formbewusstes Körper-Theater. Zeitgenössisches, minimalistisches Körper-Theater. Fremd. Zuhause, Tradition, Pop...

Auch steht die zugegeben reaktionäre Frage im Raum: Was geht mich das an? Wenn ich zahle, will ich wissen: Was bringt's mir? Sagen viele. Meist kennt man weder die Ausführenden noch die Stücke. Aktualität, auch so ein Leer-Wort, verbindet eine amorphe Masse, die man flockig post-dramatisches Theater nennt. Wer hier was riskiert, wird manchmal belohnt, vielfach bei Leuten, die auf ihren Instinkt, ihre Erfahrung vertrauen wie z.B. der scheidende Chef des Schauspielhauses, Airan Berg. Esoterisch wirkt das Programm zeitweise, aber meist, wenn man hingeht, ist es gut, selten schlecht.

Der Besucher wünscht sich Qualitätssicherheit. Darum pilgert er nach Salzburg, rauft sich in Bayreuth und Reichenau um Karten, weil er ahnt: Wichtiger als mordsgescheites ist spannendes Theater. Ob konservativ oder progressiv, ist nicht so wichtig. Manche mögen gerade das Wilde.

Probiert hat die Moderne nun ja schon wirklich alles: Text zertrümmern, zerhacken, Video, Musik; flüstern, brüllen, nuscheln; Sex in allen Stellungen. Tonnenweise wurde Theorie produziert und dem Zuschauer eingebläut: Lass dich ein! Wir lassen uns ein, aber an irgendetwas wollen wir uns halten. Schauspieler, eine Story, einen Regisseur. Castorfs Furioso scheppert, seine Fans aber bleiben ihm, weil er Castorf ist.

Die Festwochen-Auslastung sank heuer von 91 auf 83Prozent. Die Lücken in den Rängen konnte man erstmals deutlich bei vielen Vorstellungen sehen. Die Bilanz ist erschütternd, bedenkt man die vielen Freikarten und die geringe Eigendeckung: 20 bis 30Prozent. Aber das Wirtschaftliche ist nicht das Schlimmste. Was sind einige 100 Mio. für Kultur gegen den Bawag-Skandal?

Kunst-Feuerwerk als Ablenkung

Die Stadt Wien buttert viel Geld in Kunst. Es ist ihr oft egal, ob es produktiv verwendet oder sinnlos verpulvert wird, notorischen Handaufhaltern oder Könnern zukommt. Die Stadt strengt sich nur bedingt für die Kulturschaffenden an. Sie will beweisen: Wien ist weltoffen! Doch die riesige Kulturmaschine rollt teilweise leer durch die Stadt. Das Feuerwerk prasselt, aber, statt zu begeistern, lenkt es immer öfter nur ab – und manche sehen (gehen) gar nicht mehr hin. Unterdessen wird im Gemeindebau auf Kinder geschossen. Die alte sozialdemokratische Doktrin, dass Kulturpolitik auch Sozialpolitik ist, funktioniert nicht mehr. Als Integrationsinstrument versagen beide offenbar völlig. Das ist das wahrhaft Bedrohliche.

FESTWOCHEN: Kehraus

Die Auslastung ist heuer um fast zehn Prozent abgerutscht. Doch der luxuriöse Festwochen-Karren rollt unbeirrt weiter. Noch bis 26.6. ist vom israelischen Theatermann D. Mayaan „Der Familientisch“, eine Fortsetzungsgeschichte, zu sehen, bis 22.6. „Das Emigrantenlied“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2007)

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