Immerzu Apokalypse

Residenztheater (Thomas-Dashuber)
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Martin Kusej inszeniert im Residenztheater, das er 2011 von Dieter Dorn übernimmt, Georg Büchners "Woyzeck" in Endzeitstimmung.

Gegen Ende zu verwandelt sich der sanfte Ton, den Jens Harzer in seiner Rolle des Woyzeck verwendet, in etwas mörderisch Irritierendes. Zärtlich spricht er über Marie (kantig: Juliane Köhler), sanft führt er sie an der Hand, doch das einzige Gefühl, das er seiner verlorenen Geliebten nun entgegenbringt, ist ein Messer. Er hat keine Chance. Sie hat keine Chance. Gleich ist sie tot.

Wie Anthony Perkins als Lustmörder Bates in „Psycho" wirkt der grandiose Schauspieler Harzer da, und er lässt vergessen, dass die zweistündige, gewaltige Aufführung von Georg Büchners „Woyzeck" doch auch gewisse Längen, den Zwang zur Wiederholung entwickelt. Denn Regisseur Martin Kusej, der nächste Hausherr des Bayerischen Staatsschauspiels, hat Publikum und Darstellern nichts erspart.

Ein hartes Stück Arbeit ist dieser Einstand in München. Martin Zehetgruber hat die Bühne zur Müllhalde gemacht. Die Abgründe des Vormärz werden zu den Abgründen der Wegwerfgesellschaft. Es türmen sich blaue Plastiksäcke, durch die Verlorene waten, je nach Stimmung im grellen Licht oder in der Finsternis, von bedrohlichen Techno-Rhythmen begleitet. Tobias Löffler (Licht) und Bert Wrede (Musik) tragen zur Grundierung des Schreckens bei. Nur selten hellt ein trauriges Lied die Atmosphäre etwas auf.

Dieser „Woyzeck", angereichert mit anderen Texten von Büchner, von Brecht, mit Bildern von Beckett und zeitgenössischen Songs, ist eine Apokalypse. Nach zwanzig Jahren trügerischer Sicherheit und dem vermeintlichen Ende der Geschichte hat sie in der Literatur wieder Saison, wie etwa in Cormac McCarthys „The Road". Auch der wird offenbar zitiert: Die Welt ist tot, eine Aschenschicht hat sich über den Planeten gelegt, es herrscht Anarchie, Kannibalismus grassiert. Zur Einstimmung, nachdem Woyzeck und Andres (Marcus Calvin) wie Suchende im Moor über die Bühne vagabundieren, der Titelheld die letzten Forellen aus seinem Sackerl hoch in die Luft geworfen hat, erzählt Cornelia Froboess als Großmutter das Märchen vom Kind, das alles verloren hat: „Da war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein."

Sie sind alle allein: der monologisierende Idiot (Arnulf Schumacher entwickelt das Gehabe eines Oberkellners) oder der so modern wirkende Doktor, der an Woyzeck verbrecherische Experimente macht (von Werner Wölbern großartig gespielt - ein Solitär). Auch Robert Joseph Bartl als Ausrufer gelingt ein Unikum, er ist ein Pferdenarr und Transvestit, der zur Rocky Horror Picture Show passen würde. Bestens in eine Ku?ej-Inszenierung fügen sich der vertrottelte Hauptmann (Rainer Bock) und der Tambourmajor (Felix Rech) - Söldner, die auf Aas aus sind, eine vermeintlich tote Frau (Barbara Melzl wird dann sehr lebendig) und die tote Marie beschnüffeln, besteigen, schänden.

Jeder ist ein potenzieller Mörder

Alle sind sie zugleich auch Opfer, in dieser Zeit, die Brot und Eisen braucht. Der Hauptmann, bei Büchner einer der Folterer Woyzecks, wird in dieser Version vom einfachen Soldaten nicht rasiert, sondern gepeitscht, er onaniert in den Müll und lässt sich über den verschwitzten, blutenden Leib ein reines weißes Hemd ziehen. Der Tambourmajor, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, trinkt den Schnaps aus einem Kanister: „Ein Mann muss saufen!"

Zuweilen wirkt das selbstverliebt, Sex und Gewalt dominieren als Stilmittel, zur Differenzierung reicht es, wenn sich die Figuren weit voneinander entfernen, doch immer im Blick behalten. Das sind große Momente, sie wirken wie eine Erlösung. Die Figuren sind grob gezeichnet, Feinheiten der Beziehungen sind ausgeschlossen. Auf diesem Höllentrip ist jeder ein potenzieller Mörder. Und das unschuldige Kind, der arme Hurensohn Christian, bleibt verborgen. Marie und Woyzeck suchen es immerzu, so wie Woyzeck immerzu die Geister hört. Kurz, beiläufig wird das Kind schließlich entdeckt, als lädierter, verschmutzter, einbeiniger Teddy aus einem Müllsack gezogen.

Der Tod hat gesiegt. In einer Szene gegen Ende hin liegen alle Schauspieler reglos auf der Bühne. War es das? Nein, sie stehen wieder auf, wie Zombies. Sie monologisieren: „Es gibt kein später. Das ist später." Leben sie noch? Es muss ein Irrtum sein. Sie klagen: „Alles ist tot." Büchners Text wurde auf das Bedrohliche konzentriert und nihilistisch angereichert. Daraus ist eine höchst konsequente Aufführung geworden, eine reine Endzeitpoesie, die Pathos nicht scheut. Schönheit oder gar Trost wird man hier nicht finden, sondern nur die Ungeheuer, die die Welt gebiert.

THEATERPLATZ: München

Mit Martin Kusej und Klaus Bachler werden in der Theaterstadt München bald zwei Österreicher als Intendanten amtieren. Kusej wird auch an der Bayerischen Staatsoper inszenieren. „Woyzeck“-Vorstellungen: 23., 30.Juni sowie am 7., 15., 19. und 27.Juli. ? 004989/218501.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2007)

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