Happy Henin: Genesis schlug Nemesis

(c) EPA (Gerry Penny)
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Wimbledon. Verlorene Tochter mit Familie versöhnt – und auf Grand Slam aus, der ihr fehlt.

London (-er). Es war nur die Generalprobe fürs Rasen-Mekka gewesen, das heute beginnt, entwickelte sich aber zur dramatischen Neuauflage des Vorjahrs-Finales von Wimbledon mit vertauschten Rollen. Justine Henin, Titelverteidigerin in Eastbourne, hatte mit dem 7:6, 5:7, 7:6-Sieg über Amelie Mauresmo, Titelverteidigerin in Wimbledon, den Vorjahrssieg wiederholt, die Nr. 1 im Damentennis gefestigt und Selbstvertrauen getankt für den einzigen Grand Slam, den die 1,68m kleine und 54,55 kg leichte Belgierin bei zwei Endspielen (2001/2006) nicht gewonnen hat – im Gegensatz zu Paris (4), Australian, US-Open (je 1). Henin ist mit Hingis lebender Anachronismus zu Power-Girls, denen sie mit speziellen Tugenden erfolgreich die Stirn bietet: perfekte Schläge, Ehrgeiz, Willensstärke und die Kunst, die sogenannten Big Points zu machen.

Schicksal zwang Glück

Inzwischen aber hat Justine dieses Repertoire um einen Trumpf erweitert, der nicht sichtbar ist, aber von ihr selbst nach dem vierten Paris-Triumph, dem dritten in Folge, zu hören war. „Ich bin“, verriet Henin, „so happy wie nie zuvor in meinem Leben.“ Glücklich geschieden von ihrem Mann Yves Hardenne, dem sie mit ein paar Millionen im Winter den Laufpass gegeben hatte, noch glücklicher wieder vereint mit ihrer Familie, mit der sie jahrelang auf Kriegsfuß gestanden war nach dem Krebstod ihrer Mutter, die mit dem Vater über Kreuz gewesen war.

Kaum hatte Justine die schmerzhafte Trennung von Yves verdaut, war der nächste Schicksalsschlag gekommen, der das Schlimmste hatte befürchten lassen, post festum aber zum Geschenk des Himmels wurde. Einer ihrer Brüder, David, 34, kämpfte nach einem Autounfall ums Leben – als er aus dem Koma erwachte, schaute er in die Augen von Justine, die er jahrelang nur im TV gesehen hatte. Und auf einmal waren die Henins im Spital vereint, die Schwester, die beiden Brüder, Vater Jose, als hätte höhere Gewalt die entzweite Familie bewusst zusammengeführt, um sie zu versöhnen. Weinet nicht, freuet euch. Schmerz, lass nach.

Da machte es klick bei Justine. Vergessen, was alles war, verziehen, wie man sich gegenseitig isoliert hatte. Seither sind sie wieder ein Herz und eine Seele. Genesis schlug Nemesis. Aus dem Mini-Team Justine mit Langzeit-Coach Rodriguez, dem Vater-Ersatz, und dem Physiotherapeuten wurde die Henin-Familie, die geschlossen nach Roland Garros kam, wo sie Justine vor 20.000 am Center Court und vor Millionen an TV-Schirmen ins Herz schloss. „Ich widme euch meinen Sieg, ich hab' euch so lange so vermisst – ich liebe euch von ganzem Herzen!“ Henin, sonst Pokerface unter der unvermeidlichen Kappe, kehrte ihr Innerstes nach außen. Eine völlig neue Facette bei Justine, die nach dem Rücktritt ihrer jahrelangen Wegbegleiterin Kim Clijsters ein Solo für Belgien bestreitet. Ironie am Rande, dass sie sich scheiden ließ, um Frieden mit sich und Familie zu finden, während Kim einen Schlussstrich unters Tennis zog, weil sie demnächst heiratet.

Bilanz 2007: 33:3-Siege

In Wimbledon sind die Henins geschlossen da, diesmal auch mit dem Papa, der Paris nur im TV verfolgt hatte, „weil ich zu nervös war, um live dabei zu sein“. Family Affair, jetzt andersrum. Sie verlieh der zarten, aber zähen Justine neue Kräfte auch im Tennis. Die Statistik 2007 spricht für sich. Hatte sie sich in Dubai noch gegen Paszek gequält, so ging es danach Schlag auf Schlag, Sieg auf Sieg. Sie gewann auch Doha, Warschau, Roland Garros, Eastbourne, zweimal verlor sie erst im Finale (Miami/S. Williams, Berlin/Kusnetzowa), einmal im Semifinale (1. Turnier nach Scheidung, Paris-Halle/Safarova), 33:3-Siege.

Nur jener im All-England-Club fehlt ihr, um als Gewinnerin aller Grand-Slam-Titel in die Geschichte einzugehen. Wimbledon wird zur verflixten Sieben. Schafft sie es, würde sie, obwohl sie Verletzungen und Virus-Erkrankungen gut ein Jahr kosteten, auch Serena Williams über den Kopf wachsen. Schlagender Beweis, dass es nicht auf Power ankommt, wenn Hirn und Herz, Wille und Strategie, Finesse und Frieden die Asse sind, die sie aus dem Ärmel beutelt.

SPIELPLAN

Sybille Bammer trifft in Wimbledon am heutigen Montag auf Court 16 auf Warwara Leptschenko aus Usbekistan. Alexander Peya spielt gegen den Serben Janko Tipsarevic.
Dienstag folgen Koubek, Eschauer bzw. Paszek, Meusburger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2007)


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