Neue Turbulenzen bei den Bundestheatern. Am Freitag finden Gehalts-verhandlungen statt.
Die Presse: Der neue Staatsoperndirektor Dominique Meyer ist bestellt, eine Lösung, die, hört man, auch den Bediensteten gefällt. Sie führen jetzt Krieg mit dem noch bis 2010 amtierenden Direktor Ioan Holender. Warum?
Fritz Peschke: Krieg würde ich es nicht nennen. Aber es gibt seit letztem Herbst eine Reihe von Vorkommnissen. Holender ist ein ausgezeichneter Operndirektor. Aber er ist jetzt mit dem Spielplan bis 2010 fertig und hat offenbar viel Zeit, sich mit Spielchen zu beschäftigen. Ein Beispiel: Ein Sänger hatte einen Monatsvertrag und wurde umgestellt auf einen Stückvertrag. Daher hätte er Anspruch auf Abfertigung. Holender hat gesagt, das zahlt er nicht. Der Sänger war bei mir, ich habe gesagt, Sie können das einklagen, aber wenn Sie weiter bei uns beschäftigt sein wollen, ist es nicht opportun. Darauf hat der Sänger gesagt: Dann muss ich wohl verzichten. Solche Dinge kommen öfter vor. Sie sind symptomatisch. In einer Demokratie ist eben auch Diktatur möglich. Holender rühmt sich in Zeitungen, ein Tyrann zu sein. Er hat unter Ceausescu gelitten, aber er führt sich auf wie dieser.
Holender hatte schon vor zehn Jahren den Spitznamen „der rumänische Diktator“. Wieso ist das gerade jetzt virulent?
Peschke: Weil es empörend ist, dass die Politik solche autoritären Handlungen ermöglicht und akzeptiert. Die Problematik ist, dass wir Holender noch drei Jahre haben. Ich bin als Betriebsrat verpflichtet, für die Beschäftigten einzutreten. Holender provoziert fast täglich. Er hat versucht, die Fachkraft für Arbeitssicherheit zu kündigen, weil sie ihm widersprochen hat. Ich musste das gerichtlich bekämpfen. Er hat die Garderobe-Gebühren erlassen, gleichzeitig aber den Gesangssolisten die Freikarten reduziert. Holender pflegt sein Image nach außen, indem er den Bediensteten was wegnimmt. Er gibt sich selbst ein Gutachten wegen der Pensionierung eines angeblich ungeeigneten Sängers, statt dass ein unabhängiger Gutachter bestellt wird. Er will die Opernaufführungen auf den Karajan-Platz übertragen lassen, viele Sänger wollen das nicht, weil sie Qualitätseinbußen fürchten. Das kümmert ihn nicht. Außerdem zensuriert er die Mitteilungen des Betriebsrates. Es geht Schlag auf Schlag. Er will wissen, was sich die Bediensteten noch alles gefallen lassen. Es reicht! Holender soll mich ruhig klagen, dann werden alle diese Sachen wenigstens endlich einmal ausdiskutiert.
Sie sind 63 Jahre alt. Da treten Sie mit dem Direktor gemeinsam in den Ruhestand.
Peschke: Theoretisch. Aber ich möchte ihm diese Freude nicht machen, dass er mich loswird. Andere hat er schon rausgeekelt. Denken Sie an Volksoperndirektor Rudolf Berger, der hier Chefdisponent war, an Elisabeth Sobotka, ebenfalls an der Staatsoper Chefdisponentin. Sie ging dann nach Berlin und wird 2009 Grazer Opernchefin. Dann der Chefdramaturg Peter Blaha, der Ballettdirektor Renato Zanella. Früher oder später weichen alle. Am Ende ist Holender immer der Stärkere. Er ist erfolgreich. Die Auslastung ist Weltspitze. Aber man muss jetzt auch einmal sehr deutlich sagen: Das geht zulasten der Belegschaft! Holender ist der Kopf, aber die Arbeit machen wir.
Immerhin bekommen die Bediensteten jetzt mehr Geld. Die Erhöhung der Basisabgeltung um fünf Mio. Euro ist eine dauerhafte, also es gibt künftig alljährlich 138 statt 133Mio.€. Und heuer werden die fünf Mio. zur Gänze für die seit Jahren nur wenig erhöhten Gehälter der Bediensteten verwendet. Sind Sie froh?
Peschke: Was Sie mir da servieren, ist die Sicht der Holding. Weder die alte noch die neue Regierung hat Geld für uns. Jeder Politiker brüstet sich mit den Kulturinstitutionen, aber zahlen wollen sie nix. Unser Streikbeschluss ist nur ausgesetzt. Fünf Millionen wurden zugesagt, obwohl wir dringend zehn gebraucht hätten. Wir fordern jetzt fünf Prozent für alle Mitarbeiter, damit wir endlich einmal wirklich etwas mehr bekommen. Wir hatten ja seit Jahren Reallohnverluste. Die frühere Regierung hat gesagt, es gibt nichts, die jetzige begnügt sich mit Absichtserklärungen. Wir wollen eine Kombination: die Valorisierung der Bezüge und eine echte Gehaltserhöhung. Am Freitag wird das nächste Mal verhandelt.
Ein Problem scheint zu sein, dass von den fünf Mio. Euro 3,6Mio. das Staatsopernorchester verlangt. Stimmt das? Was sagen Sie dazu?
Peschke: Verlangen und bekommen ist zweierlei. Holender bevorzugt das Staatsopernorchester, ködert die Musiker mit Absichtserklärungen, zahlt Prämien. Es kann keine Extrawurst für die Philharmoniker gebraten werden, Volksopern- und Bühnenorchester müssen gleich behandelt werden, alle anderen Gruppen (Chor, Tänzer, Gesangssolisten, Schauspieler) auch. Georg Springer als Holding-Chef hat die KV-Hoheit. Er würde sicher nicht akzeptieren, dass die Musiker auf Kosten aller anderen mehr bekommen. Das ist nicht machbar. Wir hatten diese Geschichte schon bei der Ausgliederung 1999, als die Bundestheaterpensionen weggefallen sind. Seither gibt der Staat dem Verein Wiener Philharmoniker ca. zwei Mio.€ im Jahr. Die Bundestheaterbediensteten bekommen nichts. Ärgerlich genug für uns. Eine Sonderbehandlung des Staatsopernorchesters kommt diesmal nicht in Frage!
ZUR PERSON: Fritz Peschke
Der 63-jährige Chorist ist seit 40 Jahren an der Wiener Staatsoper. Ioan Holender ist sein achter Direktor. Peschke ist Betriebsratsvorsitzender des darstellerischen und künstlerischen Personals der Staatsoper, Zentralbetriebsratsvorsitzender für alle Bundestheater sowie Präsident der Sektion Bühnenangehörige in der Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe (KMSFB).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2007)