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Eisenbahn: „MAV Start“ mit Verspätung und Milliardendefizit

Die Personen-Tochter der Ungarischen Staatsbahn wird am Sonntag selbstständig.

BUDAPEST/WIEN. Reisende wollen saubere Waggons und Toiletten: Auf diesen schlichten Nenner bringt Ungarns Wirtschafts- und Verkehrsminister János Kóka den Start von „MAV Start“. Die neue AG ist ab Sonntag selbstständig für die Personenbeförderung der Ungarischen Staatsbahn (Magyar Allami Vasút – MAV) verantwortlich.

Noch gibt der Minister dem Zweig die Aktivitäten vor: Kóka erwartet, dass „die Qualität des Reisens in winzigen Schritten, aber kontinuierlich“ erhöht werde. Die „selbstständige“ neue Gesellschaft solle das Niveau nicht mit Großinvestitionen heben, sondern mit „kleinen Aufmerksamkeiten wie beispielsweise dem Reinhalten der Waggons und der Waschräume“, sagte er dieser Tage Journalisten. Sein Ziel zum Start ist die Reduktion der Beschwerden – oder deren Behandlung binnen 15 Tagen.

Die neue Firma wird nach Ansicht des Ministers „saubere Verhältnisse schaffen“, so etwa bei der Berechnung der Finanzmittel. MAV Start beginnt mit 62 Mrd. Forint (250 Mio. Euro) Grundkapital und dem „rollenden Material“, das von der Mutter MAV angemietet wird. Deren Generaldirektor István Heinczinger hatte noch im April erklärt, die Garnituren würden samt Krediten zur Tochter transferiert, doch unter dem Druck der Bahnbehörde hat er davon Abstand genommen.


Holding begibt 2008 Anleihe

Heinczinger muss bis Ende Juli den Staat dazu bewegen, alle Entscheidungen zu treffen, die nötig sind, um MAV per 1. Jänner 2008 als Holding zu strukturieren. Im nächsten Jahr soll dann eine Anleihe im Wert von 300 bis 400 Mio. Euro begeben werden, um neue Vorhaben zu finanzieren.

Die Regierung hat MAV für heuer 111,6 Mrd. Forint versprochen. Der Betrag reicht bei weitem nicht aus, um das Defizit – im Vorjahr 86 Mrd. Forint – zu decken, MAV Start mit Grundkapital auszustatten und die notwendigsten Investitionen zu tätigen. Kein Wunder, dass die Bahn heuer schon zwei Mal teurer geworden ist – und damit nach internen Berechnungen nur jene zusätzlichen Kosten einbringt, die durch die Einführung des Taktfahrplans entstanden sind. Denn dieser hat dazu geführt, dass heuer 3300 Garnituren verkehren müssen, um zehn Prozent mehr als 2006. Und das, obwohl eine Reihe von Nebenbahnen eingestellt worden sind. Für 2008 ist ein weiterer Kahlschlag zu erwarten. Die Streckenwahl soll schon MAV Start verantworten.

Bis 2013 stehen für Bahnprojekte in Ungarn insgesamt 753 Mrd. Forint zur Verfügung. Dazu kommen 197 Mrd. Forint, die MAV selbst aufbringen will. Ein Teil davon wird aus Immobilienverkäufen kommen. Laut MAV-Präsident Miklós Kamarás verwaltet die Bahn Immobilien im Wert von rund 420 Mrd. Forint, ein Drittel davon im eigenen Besitz.

Der Zeitplan zur Privatisierung weist eine gehörige Verspätung auf. Ursprünglich sollte die Personenbeförderung mit 1. Jänner ausgegliedert und mit dem Gütertransport privatisiert werden.


ÖBB-Tochter mit guten Chancen

Was nicht mehr möglich ist, denn MAV Cargo ist schon in die Privatisierung gestartet. Laut Direktor Gábor Dióssy sind die ÖBB-Tochter Rail Cargo Austria, Deutsche Bahn sowie russische und ukrainische Staatsbahnen interessiert. Laut der Zeitung „Magyar Nemzet“ haben die Österreicher die besten Karten, zumal das Privatisierungskonsortium von der Ungarn-Tochter der einstigen CA IB, heute UniCredit, angeführt werde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2007)