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„Hugo Chávez ist kein Sozialist“

(c) epa (Miraflores Handout)
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Populisten sorgen Brasiliens Altpräsident Cardoso nicht. Der teure Real schon.

WIEN. Ferrari-Händler müsste man sein – und zwar am besten in Brasilien. Dann hätte man die Sorgen von Francisco Longo, dem Chef des größten brasilianischen Importeurs von Ferraris und Maseratis. „Wir bekommen einfach nicht genug Autos aus der Fabrik“, sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Brasilianer erliegen dem Zauber des Luxus – und zwar nicht nur die Superreichen.

Denn die Landeswährung Real hat in den vergangenen drei Jahren gegenüber dem Dollar um 60 Prozent zugelegt. Vor drei Jahren verfügte ein brasilianischer Haushalt im Schnitt über 287 Dollar Einkommen pro Monat. Heute sind es 574 Dollar. Und weil die Notenbank die Inflation relativ gut im Griff hat, bleibt auch den ärmeren der rund 186 Millionen Brasilianer mehr in der Tasche.

Klingt nach einer guten Nachricht. Fernando Henrique Cardoso, von 1995 bis 2003 brasilianischer Präsident und Teilnehmer des „Global Forum on Reinventing Government“ der UNO in Wien, ist dennoch besorgt. „Dieser Luxus-Boom ist kein gutes Zeichen, weil er andeutet, dass das Vermögen in den Händen weniger konzentriert wird“, sagt der Vorgänger des Medienstars Luis Inácio Lula da Silva im Gespräch mit der „Presse“. Laut dem staatlichen Wirtschaftsforschungsinstitut verdient das reichste Prozent der Brasilianer so viel Geld wie ärmeren 50 Prozent der Bevölkerung.



„Chávez hat die Wichtigkeit leerer Ideen entdeckt.“

Brasiliens Ex-Präsident Fernando Cardoso

Zwar befürchtet Cardoso noch nicht, dass sich Brasilien mit der „Dutch Disease“ ansteckt, also aufgrund seiner Rohstoffexporte eine so starke Aufwertung erlebt, dass alle anderen Wirtschaftszweige verkümmern, weil es billiger ist, fremde Waren zu kaufen (den Niederlanden war das in den 70er Jahren nach dem Auffinden von Erdgas passiert). „Ich hoffe aber, dass die Leute einsehen, dass es nicht gut ist, zu viel zu importieren.“

Eher gelassen sieht der Sozialdemokrat den Populismus nach Vorbild des Venezolaners Hugo Chávez. „Ich habe Probleme, ihn links zu nennen. Er ist kein Sozialist – sonst hätte er alle Privatunternehmen enteignet, nicht nur die ihm missliebigen. Er hat die Wichtigkeit leerer Ideen entdeckt: Bolivarismus ist alles, was sich der Zuhörer darunter vorstellen mag.“ Was kommt nach Chávez und Boliviens Evo Morales – und wann erfolgt die Ablöse? „Da gibt es kein Patentrezept. Das ist ein Phänomen der Andenstaaten, wo es nicht gelingt, die Indigenen in die Gesellschaft zu integrieren. Chávez bleibt an der Macht, solange der Ölpreis hoch ist. Ob er die Wirtschaftsstruktur reformiert, weiß ich nicht. Das wäre seine eigentlich Verantwortung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2007)