SCHWIMMREVIERE. Das extraklare Wasser bleibt dasselbe, die Urlaubsinhaltsstoffe aber ändern sich.
In einer touristischen Inszenierung – nennen wir sie Kärntner Seentheater – hat jedes Badewasser seine Rolle. So in etwa: Der Wörther See gibt – eh klar – die Diva; der Weissensee mit seinem glasklaren Fjordwasser den Ökologen; der Ossiacher See das Universalgenie, der türkis strahlende Faakersee den Sportler. Zum Drüberstreuen übernimmt der Keutschachersee den Nacktauftritt und der so naturbelassene Tur- nersee tritt als großer Unbekannter auf ...
Kärntner Seen sind schon sehr lange auf ihre Rolle abonniert, bekanntlich waren sie bereits Sommerfrischeziele, als am Lido noch blanker Sand lag. Dabei gibt es einige Badewannen in „Österreichs sonnigem Süden“, die in der letzten Zeit ihr angestammtes Fach gewechselt haben. Das Publikum muss nur genau hinschauen, um den Rollentausch zu erkennen ...
Das Mysterium
Galt der Millstätter See früher vielleicht als die alpinere Ausgabe des Wörthersees, zeigt er heute ein eigenes Profil. Er greift schlicht auf sein eigentliches Kapital zurück: smaragdfarbenes Wasser, ein romantisch-unverbautes Südufer, wanderbare Nockberge und mit dem „Dinner for 2“ – einem 7- Gang-Tete-á-Tete am Floß – ein Produkt, das zum ausgebuchten Selbstläufer wurde.
Dass der Imagekorrektur auch die Esoterik nachhalf, stört maximal den Pragmatiker, es ist halt ein bisschen viel von „Seeberührungen“, „Bergberührungen“ und „Juwel“ die Rede. Im Mittelpunkt der Mystifikationen steht unter anderem der Mirnock, ein feiner Wanderberg, an dessen Abhängen sich „Orte der Kraft“ befinden sollten, Energieplätze mit „rechtsdrehender Frequenz“. Schließlich liege der Millstätter See auf der sogenannten Klosterlinie, die am Großlockner beginnt und in Slowenien und Italien endet. Einmal sehen, wo diese geomantische Linie anstreift? Nomen et omen: bei Stift Ossiach und Maria Wörth.
Die Diva
Man sagt Wörthersee, und schon zieht das Klischee alle Register. Promis, Adabeis, Motorbootgetümmel, Megaevents. Dabei ist der Wörthersee ein Gewässer mit durchaus stillen Abschnitten, mehr als handtuchgroßen Badeplätzen (man muss die richtigen Strandbäder kennen) und Gastgärten, die alles andere als Bühnen sind. Schwerer ist es schon, an belebten Wochenenden den Motorbootsound wegzublenden.
Es wird gebaut. In der letzten Zeit entstanden in Pörtschach, Velden und Maria Wörth eine Reihe von neuen Hotels und See-Residenzen – allen voran das Schloss Velden. Zig Projekte sollen nachziehen, es sei dahingestellt, wie gut es einer Urlaubsdestination tut, zum Zigt-Wohnsitz zu mutieren.
Die andere Veränderung der Diva liegt in der erhöhten Aktivität und der Wahrnehmung ihres Hinterlandes: Man sucht ihre Ufer längst nicht nur zum Baden, sondern auch als Ausgangspunkt für Wanderungen, Radtouren, Golf-runden, Ausflüge und Events. Ein Instrument dazu heißt Wörthersee-Card, über 100 Ausflugsziele wollen mit Kind und Kegel ausgekostet werden. Angenehme Nebenwirkung: Wenn sich nicht mehr nur alles ums Wasser dreht, könnte sich die Sommersaison in beide Richtungen verlängern.
Der Luftikus
Familien, Camper, Sommerfrischler, Wassersportler – der Ossiacher See bedient sie alle. In der Breite tun sich zusehends zwei Nischen auf: Die spezielle Topografie von Ossiacher See und Gerlitzen beschert dem Gebiet eine besondere Thermik. So rückt der See immer weiter in das Bewusstsein von Extremsportlern: Zum dritten Mal findet hier die „Formel 1 am Himmel“ statt, bei der sich Weltklasseparaglider im August aus dem Hubschrauber stürzen und das Publikum in Atem halten.
Zielgruppe zwei, ebenso Nische: Die Nähe zur Kultur pflegt der Ossiacher See schon sehr lange – das Festival Carinthischer Sommer residiert im Stift Ossiach. In Zukunft soll hier auch eine internationale Musik-Akademie etabliert werden. Auch das Domenig-Steinhaus soll mehr ins Geschehen eingebunden werden.
Das Partytier
Keine Frage, mit „Lake07“ haben es die Südkärntner neuerdings auf die ganz junge Zielgruppe abgesehen: die Festivalgänger und Partymacher, die aber nicht zu faul sind, morgens rechtzeitig für eine Extrembiketour oder eine Squad-Safari aufzustehen. „Lake07“ wird am Pirkdorfersee bei Bleiburg inszeniert, es zieht sich mit einem dichten Fun-, Sport- und Music-Programm über eineinhalb Monate. Könnte schon die erwarteten 10.000 Gäste anlocken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2007)