An der Uni Wien wird das Balzverhalten einer jüngstens entdeckten Insektenordnung untersucht.
In Afrika gibt es bestimmt viel zu entdecken, aber dass es gleich eine ganze Insektenordnung ist, hätte vor fünf Jahren niemand erwartet. Neuentdeckte Arten sind etwas Alltägliches in der Wissenschaftswelt, doch die Ordnungen, zu denen man Arten, Gattungen und Familien zusammenfasst, waren bei Insekten seit 90 Jahren unverändert. So wie der Mensch in der Familie der Menschenaffen zur Ordnung der Primaten gehört, war es für Insektenforscher klar, dass ein Tagpfauenauge in die Familie der Edelfalter und die Ordnung der Schmetterlinge einzuordnen ist und dass an den zirka 30 Ordnungen nicht zu rütteln ist.
Doch 2002 sorgten deutsche Wissenschaftler mit ihrer Science-Publikation für eine Sensation: Eine neue Ordnung der Insekten war entdeckt, die Mantophasmatodea. Zuvor hatte kaum jemand den wunderlichen Tieren, die wie eine Mischung aus Gottesanbeterinnen (Mantodea) und Stabheuschrecken (Phasmida) aussehen, Beachtung geschenkt. Dabei gibt es sie seit mindestens 45 Millionen Jahren, wie Funde in Bernsteineinschlüssen beweisen.
Dornenbesetzte Fangarme
Viele Museen besaßen Exemplare der Insekten, doch die Experten vermuteten stets unbekannte Arten von schon bekannten Ordnungen dahinter. Erst nachdem die deutschen Zoologen bestätigten, dass diese Insekten weder zu den Heuschrecken noch zu den Gottesanbeterinnen noch zu den Stabheuschrecken zugeordnet werden können, tat sich weltweit etwas. Die Museen mit den wunderlichen Exemplaren gaben sie zur Bestimmung her, und nach langen mikroskopischen Untersuchungen konnten bisher 16 Arten der Ordnung Mantophasmatodea zugeordnet werden. Der wissenschaftliche Name leitet sich von den Ordnungen ab, denen die Tiere ähnlich sehen (Mantodea und Phasmida), doch auf Deutsch bezeichneten ihre Entdecker sie als „Gladiatoren“, weil ihre dornenbesetzten Fangarme zur räuberischen Ernährung und der helmartige Aufsatz der Jungstadien an Gladiatoren erinnerten.
„Fersengeher“ aus Südafrika
In Wien nimmt sich derzeit Monika Eberhard, Dissertantin unter der Leitung von Günter Pass (Department für Evolutionsbiologie, Uni Wien), dieser Tiere an. „Die Arten, mit denen ich arbeite, schauen nicht wie Gladiatoren aus“, berichtet Eberhard der „Presse“: „Meine südafrikanischen Arten sind kleiner und zarter als die aus Namibia, wo die Tiere 2002 erstmals lebend gefunden wurden.“ Die südafrikanischen Arten werden eher „Fersengeher“ (Heelwalkers) genannt, weil sie ihre stark vergrößerten letzten Fußglieder in die Luft strecken und somit auf ihren „Fersen“ stehen und gehen.
Bisher wurden außerhalb von Namibia und Südafrika noch keine lebenden Tiere der Ordnung gesichtet. „Dabei sind sie nicht allzu schwer zu finden, wenn man weiß, wo“, erzählt Eberhard: „Während meines Forschungsaufenthalts in Südafrika wusste mein dortiger Betreuer Mike Picker genau Bescheid, welche Gebiete man besammeln muss. Ziemlich schnell haben wir dadurch Mantophasmatodea erwischt.“
Zum Einfangen machten sich die Wissenschaftler einen Verteidigungsmechanismus der Tiere zu Nutze: Nachdem sie weder fliegen können, da sie flügellos sind, noch gut springen, obwohl sie starke Hinterbeine besitzen, flüchten sie vor Angreifern, indem sie sich einfach fallen lassen. Eberhard: „Wir legen also ein Tablett unter ein Gebüsch, schütteln daran, und schon fallen unsere Forschungsobjekte auf das Tablett.“
In den zehn Monaten, die Eberhard in Kapstadt verbrachte, untersuchte sie das bisher unerforschte Balzverhalten der „Fersengeher“. „Ähnlich wie bei Heuschrecken suchen und finden sich die Tiere unter anderem über akustische Kommunikation. Bei Mantophasmatodea erzeugen sowohl Männchen als auch Weibchen feine Klopfgeräusche während der Paarungszeit. Im Gegensatz zu Heuschrecken, die ein Trommelfell im Chitinpanzer eingebaut haben, findet man bei Mantophasmatodea kein Organ, das als Ohr dient.“ Die Tierchen trommeln also vor sich hin, Männchen mehr als Weibchen, aber keiner weiß, womit sie einander hören. „Viel wahrscheinlicher als Luftschallübertragung ist in dem Fall die Übertragung der Vibrationen über das Substrat.“
Für die Detektion von Vibrationen stehen gleich mehrere Sinnesorgane zur Verfügung, darunter das Subgenualorgan unter den Knien der Insekten und ihre auffallend vergrößerten Zehen. „Diese auffallende Struktur hat bestimmt eine wichtige Funktion. Aber ob die Tiere damit das Klopfen detektieren oder Pheromone zur Partnersuche abgeben, ist noch nicht geklärt“, erklärt Eberhard. In ihren Verhaltensversuchen beschränkte sie sich auf die akustischen Parameter des Balzverhaltens. Die Ergebnisse, die zeigen, in welchen Klopfmustern die unterschiedlichen Arten miteinander kommunizieren, reichte sie im Journal of Insect Behavior ein.
Männchen machen tack-tack-tack
Manche Klopffolgen von Männchen klingen – über Lautsprecher verstärkt – wie Maschinengewehre, andere klopfen langsamer. Am wenigsten geben die Weibchen Laut. Durch ein monotones Tack-tack-tack zeigen sie an, wo sie sitzen, ähnlich wie bei Fußgängerampeln die Kästchen für blinde Personen akustisch ihre Position kundtun. Der Job des Männchens ist es, zu dem monotonen Geräusch hinzulaufen und das Weibchen mit seinem flotten Trommeln von seinen Zeugungsqualitäten zu überzeugen. „Wie bei Gottesanbeterinnen kann eine Balz aber verheerend enden“, weiß Eberhard. Denn auch Mantophasmatodea-Weibchen verspeisen nach erfolgreicher Kopulation nicht selten das Männchen. So liefert das Männchen dem Weibchen außer seinem Samen auch noch seinen Körper und damit eine gute Portion Proteine zur Stärkung.
Im August fliegt Eberhard wieder nach Kapstadt, um die Klopfsignale von weiteren Arten aufzunehmen und außerdem die genaue Funktion des vergrößerten letzten Fußgliedes besser zu verstehen. In Verhaltensexperimenten will sie untersuchen, ob diese Struktur für das Zusammenfinden von Männchen und Weibchen unerlässlich ist und ob akustische Parameter oder Pheromone der ausschlaggebende Wegweiser sind.
LEXIKON: Insekten
Eine Klasse des Stamms der Gliederfüßer, zugleich die artenreichste Klasse unter den vielzelligen Lebensformen: Es gibt 860.000 beschriebene Arten, aber die Zahl aller Insektenarten wird auf bis zu 30 Millionen geschätzt. Die bekannten Arten werden in zirka 30 Ordnungen eingeteilt. Die größte Ordnung bilden die Käfer (ca. 350.000 Arten), die kleinste Ordnung mit 16 Arten sind die Mantophasmatodea.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2007)