Brian Wilson, erstmals in Wien, über Kirchen, Stimmen und Elemente.
„Was, über 300 Jahre ist die Kirche alt?“ Der nette ältere Herr im gestreiften Polohemd, der im „Grand Hotel“ über sein Sightseeing erzählt und nur Freundliches über unsere Stadt zu sagen weiß („Ich liebe Wien. Ich liebe dieses Hotel. Sie haben gutes Essen hier“), mag wirken wie der typische Amerikaner auf „Europe-in-a-Fortnight“-Trip, ist aber der wohl größte lebende Komponist des Pop: Brian Wilson, Mastermind der „Beach Boys“, seit zirka zehn Jahren regelmäßig solo unterwegs. „Meine Frau und meine Manager brachten mich dazu“, lächelt er im Pressegespräch: „Sie sagten: Brian, heb deinen Hintern, du startest jetzt eine Solokarriere.“
Wer weiß, welche dunklen Zeiten der Depression Brian Wilson hinter sich hat, freut sich mit ihm über seine gute Laune. Nein, „Beach Boy“ sei er jetzt keiner mehr, sagt er, fast ohne Verbitterung, das seien jetzt halt Mike Love (sein ungeliebter Cousin) und Bruce Johnston (der den scheuen Brian schon ab 1966 auf Tourneen vertrat). An vieles könne er sich gar nicht mehr erinnern, sagt er ein wenig kokett, und auch seine Falsett-Stimme von damals hört er heute skeptisch: „Auf ,Let Him Run Wild‘ klinge ich wie eine Fee, das gefällt mir gar nicht!“ Gut erinnern kann er sich noch an seinen 1983 ertrunkenen Bruder Dennis („Er war depressiv, trug stets einen Krug mit einer Mischung aus Barclays und Fruchtsaft mit sich, um betrunken zu bleiben, er konnte das Gefühl nicht vertragen, nüchtern zu sein“), singt sogar auf Anfrage dessen Song „You And I“ (von „Pacific Ocean Blue“, 1977, ein vergriffenes Meisterwerk).
Welchen hält er für seinen besten Song? „God Only Knows“, sagt er, eine mehrheitsfähige Antwort. Und das bis 2004 unvollendete Album „Smile“? Ja, das sei wirklich ihr Bestes: „Damals, 1967, waren wir unserer Zeit zu weit voraus – und zu sehr auf Drogen.“ Das Konzept der kunstvoll brüchigen „Rockoper in drei Akten“ beschreibt er heute als Zeitreise „von den Zeiten der Pilgerväter in den Wilden Westen und weiter“, aber auch als Repräsentation der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft. Ja, seine damalige Beschreibung „teenage symphony to god“ passe darauf, aber auch auf andere seiner Songs, „Good Vibrations“ etwa („Das kennen Sie doch, oder?“)
Stolz ist Brian Wilson auf ein neues, mit seinem Ex-Texter Van Dyke Parks eingespieltes Album namens „That Lucky Old Son (A Narrative)“, das er ab 10.9. in der Royal Festival Hall in London präsentiert: „Sehr gutes Material!“
Brian Wilson beim Jazzfest in der Staatsoper: 3.Juli, 19.30 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2007)