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Rückflug statt Abschlussparty

Illustration: Vinzenz Schüller
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Fällt bei einer Pauschalreise nicht nur der geplante Rückreisetag zum Teil weg, sondern auch schon der Abend davor, steht den Reisenden Preisminderung zu.

WIEN. Ende Juni/Anfang Juli organisieren etliche Reiseveranstalter spezielle Matura-Events, an denen hunderte Abschlussklassen aus ganz Österreich teilnehmen. Die Maturanten bekommen durch Unterstützung von Sponsoren zwar einiges geboten; ein Reisepreis von rund 850 bis 900 Euro mit All-inclusive-Verpflegung in Tunesien oder der Türkei weckt aber auch Erwartungen. Umso schwerer wiegt es, wenn die Reise nicht wie gebucht von Samstag bis Samstag dauert, sondern bereits in der letzten Nacht kurz nach Mitternacht in Thalerhof, Hörsching oder Schwechat endet. Eine einwöchige Reise sollte doch sieben Tage dauern und nicht bereits vor der großen Abschlussparty Freitagabend zum Flughafen führen. Sieht das Reiserecht dafür Preisminderungen für die Reisenden vor?

Die EG-Pauschalreise-Richtlinie (RL 90/314/EG) definiert Pauschalreisen als Reisen, die sich aus Beförderung und Unterbringung oder – statt eines der beiden Elemente – aus einer nicht bloß untergeordneten weiteren touristischen Dienstleistung zusammensetzen und zu einem Gesamtpreis verkauft werden. In der Regel fallen Cluburlaub, Sprachreise, Kreuzfahrt und die kollektive Buchung von Flug und Mietwagen unter diese Regeln. Bei den meisten Pauschalreisen erfolgt die Beförderung durch „Charterflüge“; das sind vielfach nur saisonal angebotene Verbindungen, bei denen die Flugzeiten nicht im Vordergrund stehen.

Bei Buchung einer Charterflug-Reise stehen häufig entweder nur die Flugtage fest, nicht aber die tatsächlichen Flugzeiten, oder der Veranstalter bzw. das Flugunternehmen behält sich vor, die Flugzeiten „anzupassen“. Das kann zum Vorteil des Reisenden sein, wenn der Hinflug in der Früh angesetzt und der Rückflug für den Abend des letzten Reisetags geplant wird; im umgekehrten Fall jedoch kann der Aufenthalt stark verkürzt werden. Im Falle einer einwöchigen Flugreise, die an einem Samstag beginnt und am darauf folgenden Samstag endet, umfasst der Reiseveranstaltungsvertrag meist die Flüge, Transfers, sieben Nächtigungen und Verköstigung.


Nachtruhe unangemessen verkürzt

Nach herrschender Meinung dienen die Tage der An- und Abreise nicht der Erholung, sondern der Beförderung zum/vom Urlaubsort. An diesen Tagen können die gebuchten Flüge also – bei rechtzeitiger Verständigung – zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden, auch wenn sich dadurch der Urlaub verkürzt. Ein Reisemangel im Sinne einer erheblichen Beeinträchtigung der geschuldeten Leistung liegt allgemein erst vor, wenn der Rückflug so weit vorverlegt wird, dass die Nachtruhe (die letzte Nacht im Hotel) unangemessen verkürzt wird.

Es kommt also nicht darauf an, um wie viele Stunden der Aufenthalt verkürzt wird: Eine Verlegung des Rückflugs von 18 auf 10 Uhr desselben Tages muss entschädigungslos hingenommen werden, auch wenn auf diese Weise ein halber Urlaubstag verloren geht. Wird der Rückflug allerdings wie bei der geschilderten Maturareise in die Nachtstunden oder gar auf den Abend vorverlegt, sodass das Hotel bereits am Freitag um 20 Uhr verlassen wird, so kann die letzte Nacht im Hotel nicht mehr konsumiert werden, und der Reisende hat Anspruch auf Preisminderung. Genauso verhält es sich, wenn der geplante Hinflug derart verschoben wird, dass die Reisenden erst so spät im Hotel ankommen, dass die erste Nacht schon fast vorbei ist.

Entscheidend für die Höhe der Preisminderung ist zum einen die tatsächliche Verkürzung des Urlaubs, das Verhältnis zur ursprünglich gebuchten Dauer, die Dauer der Beförderung und der Verlust sonstiger zugesagter Leistungen: Fällt bei einer viertägigen Reise in Europa mit drei Übernachtungen die letzte Nacht durch eine Flugverschiebung zur Gänze weg, wiegt dies schwerer als bei einem mehrwöchigen Urlaub. Bildet die Abschlussparty den Höhepunkt einer Maturareise, sitzen die Reisenden aber zu dieser Zeit bereits im Flugzeug, so ist auch das zu berücksichtigen. Die Basis für die Preisreduktion bildet stets der gesamte Reisepreis; fällt der Reisende um die letzte Nacht im Hotel um, steht ihm die Rückzahlung des anteiligen Reisepreises zu. Charterflüge können zwar zu unkonventionellen Zeiten durchgeführt werden, die Gesamtreisedauer hat aber stets der Vereinbarung (oft laut Prospekt oder Homepage) zu entsprechen. Sie ist umso strenger zu beurteilen, je kürzer die Reisedauer geplant ist.

Es kann nicht in der Disposition des Flugunternehmens liegen, ob eine einwöchige Reise mit sieben geplanten Nächtigungen faktisch nur sechs oder doch acht Tage dauert. Die Maturanten könnten jeweils den anteiligen Reisepreis im Ausmaß der tatsächlichen Verkürzung und der vorenthaltenen Leistungen zurückverlangen. Liegt Verschulden des Veranstalters oder seiner Leistungsträger vor, haben die Reisenden darüber hinaus Anspruch auf Schadenersatz für entgangene Urlaubsfreude. Die Ansprüche sind stets gegen den Veranstalter geltend zu machen, da das Flugunternehmen (Leistungsträger) nur als Erfüllungsgehilfe tätig wird und der Reisende gegen diesen keinen direkten Anspruch hat.

Mag. Stephan Keiler LL.M. (EuR) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europainstitut der WU Wien. stephan.keiler@wu-wien.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2007)