Ein neues Gesetz soll ab der kommenden Saison die wilde Bebauung stoppen.
Sofia. Im bulgarischen Ferienort Goldstrand (Zlatni Piasaci) wird abends seit neuestem rumänische Disco geboten. Der Grund: Rumänische Touristen haben die bulgarische Schwarzmeerküste als Urlaubsziel entdeckt. Allein während der Osterfeiertage urlaubten 20.000 Rumänen in grenznahen Touristenorten wie Balchik, Albena und Goldstrand. „Hier ist es billig für sie“, sagt eine Verkäuferin. „Es ist schon komisch, dass die Rumänen jetzt als Touristen kommen“, gibt sie sich etwas neidisch auf die besser verdienenden Nachbarn.
Im Vorjahr zählte das Bulgarische Staatsamt für Tourismus fünf Millionen Urlauber. Für dieses Jahr erwartet seine Vorsitzende Anelia Kruschkova einen Zuwachs um eine halbe Million. Bulgarien nahm im vergangenen Jahr zwei Mrd. Euro aus dem Tourismus ein. Die meisten Gäste urlauben als Pauschaltouristen am Schwarzen Meer. Kulturtouristen gäbe es noch wenige, erklärte Kruschkova vor kurzem in einem Interview. Doch wolle man künftig in diesem Bereich mehr Gäste anwerben.
Illegale Bautätigkeit
Zu Saisonbeginn hörte man am Goldstrand noch die Hämmer klopfen: Verkaufsbuden und Cafés wurden eilig fertig gestellt. In den vergangenen Jahren holten sich bulgarische Tourismusmanager immer wieder Kritik von Besuchern wegen Lärm, Staubbelästigung und schludrig gebauter Hotels ein. Obwohl die Schwarzmeergemeinden alljährlich Anordnungen für einen Baustopp während der Saison ausgeben, bauen viele einfach weiter.
Nun soll ein Gesetz der wilden Bebauung ein Ende bereiten. Anfang Juni verabschiedete das bulgarische Parlament das seit Jahren diskutierte „Gesetz über die Bebauung der Schwarzmeerküste“. Künftig wird Bautätigkeit innerhalb der „Zone A“ – ein 100 Meter breiter Küstenstreifen – verboten. Bestehende Gebäude und bewilligte Projekte sind von der Regelung aber nicht betroffen. Umweltschützer kritisieren, dass das Gesetz erst mit 1. Jänner 2008 in Kraft treten wird.
Ein Fall für die Gerichte
Illegale Bautätigkeit ist auch ein Fall für die Gerichte. So liefern sich derzeit die Gemeinde Zarevo, ein Investor und Naturschützer einen Rechtsstreit im Falle der Ferienanlage „Goldene Perle“. Laut Umweltschützern würde diese gesetzeswidrig auf dem Gelände des landesweit größten Nationalparks „Strandzha“ errichtet. Zunächst wurde der Immobilieninvestor „Crash 2000“ zu einer Geldstrafe verurteilt und ein Baustopp erteilt. Firma und Gemeinde klagten daraufhin, dass die Grenzen des Parks nicht ermittelt werden könnten. Vergangene Woche gab ihnen das Oberste Verwaltungsgericht Recht und hob das Statut des Nationalparks gleich mit auf.
Kulturtourismus unterentwickelt
Als familienfreundliche und preisgünstige Badedestination haben große deutsche und österreichische Reiseveranstalter Bulgarien im Programm. Nur vereinzelt wird das Land für Kulturreisen, Wanderurlaube oder Wellnesstourismus beworben. Nicht zuletzt international tätige Anbieter wie TUI kritisierten in der Vergangenheit die teils chaotischen Zustände in den Ferienorten. Nicht ohne Grund: Der Anteil der deutschen Gäste, mit über einer halben Million die größte Gruppe der West-Touristen, ist jedenfalls im letzten Jahr um über neun Prozent gesunken. Längerfristig könnten nicht nur rumorende Lastwägen zu Einbußen im Touristikgeschäft führen. Die gesamte Infrastruktur an der Küste sei überlastet, so Kritiker. Kläranlagen etwa seien entweder zu alt oder schlichtweg nicht vorhanden.
„Unsere wichtigste Ressource – die unberührte Natur – wird derzeit in einem Wahnsinnstempo zerstört“, sagt Lubomir Popjordanov, Vorsitzender der Bulgarischen Vereinigung für Alternativen Tourismus. Nur Billigurlauber ins Land zu holen sei die falsche Strategie. Man müsse vermehrt auf Qualität und vielseitiges Angebot setzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2007)