„Parsley, Sage, Rosemary and Thyme“

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Antibiotika in Tierfuttermitteln müssen nicht sein. An der Boku Wien untersuchen Wissenschaftler alternative Leistungsförderer.

BoKU. „Leistungsförderer im Tierfutter haben leider ein sehr negatives Image“, sagt Wilhelm Windisch vom Department für Lebensmittelwissenschaften und -technologie der Boku Wien. Dabei sind viele Zusatzstoffe eine wertvolle Hilfe, um kritische Lebensabschnitte zu überstehen, egal ob es sich um einen Menschen oder etwa um ein Schwein handelt. Bis vor kurzem hat man hauptsächlich Antibiotika dem Tierfutter in geringen Mengen beigemischt, um insbesondere junge Tiere vor schweren Verdauungsstörungen zu schützen. Damit war jedoch das Risiko der Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen verbunden, weshalb mit Jänner 2006 antibiotische Futterzusatzstoffe verboten wurden. „Man muss ganz klar unterscheiden: Der Landwirt verwendet leistungsfördernde Futterzusatzstoffe ausschließlich zur Gesunderhaltung seiner Tiere. Bei Krankheit muss dagegen der Tierarzt kommen, der selbstverständlich auch heute noch Antibiotika einsetzt, wenn es medizinisch erforderlich ist.“

Säuglingsnahrung für Ferkel

Nach dem Verbot der Antibiotika als Futterzusatzstoffe kommen heute wieder Alternativen zum Einsatz, die die Gesundheit der Nutztiere, aber auch die Qualität der daraus erzeugten Lebensmittel auf möglichst natürliche Weise fördern. Die viel versprechendsten Kandidaten: Produkte aus Kräutern und Gewürzen (Phytobiotika), Probiotika und organische Säuren.

„Einer der kritischsten Lebensabschnitte eines Säugetiers ist die Umstellung von der Muttermilch auf feste Nahrung. Der Verdauungstrakt muss sich dabei grundlegend ändern, von den Verdauungsenzymen bis zur Funktionalität der einzelnen Darmabschnitte. Das ist bei den Schweinen genauso wie beim Menschen. Früher zählten die Monate nach dem Abstillen der Babys zu den Zeiten mit höchsten Sterblichkeitsraten und in Ländern mit niedrigem Hygienestandard ist das heute immer noch so“, berichtet der bayrische Wissenschaftler. Die sorgfältige Umstellung auf feste Nahrung ist also lebensnotwendig. Nicht umsonst ist die Babynahrung im Supermarkt nach Altersgruppen sortiert, und auch das Ferkelfutter entspricht genau diesem Prinzip. „Jeder Faktor in der Nahrung, der den Organismus in dieser Situation unterstützt, ist ein Leistungsförderer, weil ein stabiler Verdauungstrakt das Tier gesund hält und es dadurch besser wächst und gedeiht.“ Daher forschen er und seine Mitarbeiter an den alternativen Leistungsförderern.

Simon & Garfunkel wussten es

Eine große Gruppe sind hier die Phytobiotika, also Kräuter und Gewürze sowie die daraus gewonnenen Extrakte, die nachweisbare positive Wirkung auf den Verdauungstrakt haben. „Vor allem die Produkte aus Oregano, Zimt, Rosmarin und Thymian haben sich fest etabliert.“ Das klingt nach Extrakten aus dem Lied „Scarborough Fair“ von Simon and Garfunkel: „Parsley, Sage, Rosmary and Thyme“ (Petersil, Salbei, Rosmarin und Thymian). Tatsächlich werden diese Kräuter aus der Familie der Minzegewächse schon seit Jahrzehnten in der Tierernährung eingesetzt. Sie haben ein gutes antioxidatives und antimikrobielles Potenzial und fördern die Sekretion von Verdauungsenzymen. Dies gilt auch für die Extrakte der Anisgewächse. „Die verdauungsfördernde Wirkung von Kümmel und Anis kennt jeder. Neuen Forschungen zufolge unterstützt Anis auch die Nieren bei der Regulation des Wasserhaushalts, was man durch den Genuss von Ouzo selber ausprobieren kann.“

Ein weiteres großes Gebiet der Leistungsförderer sind die Probiotika. „Der Name ,Pro‘-Biotika im Gegensatz zu ,Anti‘-Biotika wird heutzutage schon fast als Waffe eingesetzt.“ Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die den Tieren über das Futter verabreicht werden. Sie sind zwar natürlicher Herkunft, müssen aber wie alle anderen Futterzusatzstoffe strengste Sicherheits-Checks durchlaufen. Hierbei werden toxische und pathogene Eigenschaften rigoros ausgeschlossen.

Nachhaltigkeit wichtig

Ihre positive Wirkung entfalten Probiotika wahrscheinlich durch Verdrängung krank machender Keime im Verdauungstrakts. „Man muss sich allerdings im Klaren sein, dass dies in gewisser Weise ein künstlicher Zustand ist, denn man muss die Probiotika über die Nahrung täglich nachliefern, sonst geht die Wirkung wieder verloren.“ Aber künstlich ist nicht gleich schädlich, und daher führt die gut erprobte Anwendung zu guten Erfolgen in der Tierernährung.

Die wohl am besten erprobten Futterzusatzstoffe aus der Gruppe der Leistungsförderer sind organische Säuren und ihre Salze. Fast kein Ferkelfutter kommt heutzutage ohne sie aus. Dazu gehören beispielsweise Ameisensäure, Propionsäure oder Zitronensäure. Es handelt sich durchwegs um Substanzen, die von den Darmmikroben oder vom tierischen Organismus selbst auf natürliche Weise gebildet und über den normalen Stoffwechsel abgebaut werden können. Ihre antimikrobielle Wirkung im Verdauungstrakt ist gut belegt und richtet sich vor allem gegen unerwünschte Keime wie Coli-Bakterien und Clostridien. Außerdem verstärken sie die Durchsäuerung des Mageninhaltes, was gerade in der kritischen Phase der Nahrungsumstellung bei Ferkeln wichtig ist, und erhöhen durch ihre Eigenschaft als Konservierungsstoffe die Hygiene des Futtermittels. „Schauen Sie sich mal die Konservierungsstoffe von Produkten im Supermarkt an. Da finden Sie praktisch die gleichen organischen Säuren, wie man sie in der Tierernährung einsetzt, selbst in den Essiggurkerln.“

Ähnlichkeit Schwein – Mensch

Die Umsetzbarkeit der Forschungsergebnisse aus der Tierernährung auf unsere menschliche Ernährung ist beim Schwein am besten gegeben – kein anderes Tier ist uns in der Verdauung so ähnlich. Die Forschungen an der Tierernährung können deshalb eine große Bandbreite an Ergebnissen liefern, wie man das Verdauungssystem des Organismus, egal ob Tier oder Mensch, durch eine gezielte Ernährung in einem gesunden Gleichgewicht halten kann. Daran ist sowohl die landwirtschaftliche Seite als auch die wissenschaftliche Forschung interessiert. „Wir müssen in der Tierernährung immer zwei Ebenen bedienen: die Gewinnung allgemeingültiger, wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Wirkung der Nahrung auf den Stoffwechsel und deren Übertragung auf praktische Anwendungen zur Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft.“ Durch die vor drei Jahren erfolgte Umstrukturierung der Boku in querschnittsorientierte Departments gelingt dies sehr gut und wird durch erfolgreiche Kooperationen mit auswärtigen Institutionen positiv angetrieben.

LEISTUNGSFÖRDERER

Um Antibiotika-Resistenzen zu verhindern, wurde die Beigabe von antibiotischen Futterzusatzstoffen in der Tiernahrung mit Jänner 2006 verboten.

Leistungsförderer sind für das Gedeihen von Jungtieren aber unerlässlich. Als alternative Zusatzstoffe bieten sich Kräuter, Probiotika und Säuren an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2007)

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