Astrid Forneck ist der Qualität von Rebsorten auf der Spur. Sie will Gendefekte im Erbgut erkennen.
WIEN. Was ein genetischer Fingerabdruck ist, weiß man inzwischen: Für jedes Individuum gibt es ein charakteristisches DNA-Profil, an dem man verschiedene Merkmale des Individuums ablesen kann. Vielfach genutzt wird dies heutzutage z.B. bei Vaterschaftstests. Doch auch bei der Qualitätskontrolle im Weinbau werden genetische Fingerabdrücke genutzt. Da das Genom vieler Rebsorten bekannt ist, können Defekte im Erbmaterial gut erkannt werden. Die Wissenschaft ist schon lange der Erforschung von relevanten Genen für die Qualität der Reben und der Früchte auf der Spur.
„Blutbild“ der Weinrebe
Was aber ist der physiologische Fingerabdruck? Im Gegensatz zum genetischen Fingerabdruck, der ein Leben lang gleich bleibt, ist er das Profil der Physiologie eines Individuums, das sich sowohl über die Zeit verändert als auch von verschiedenen Umwelteinflüssen beeinträchtigt ist. Den physiologischen Fingerabdruck von Menschen kann man sozusagen anhand des Blutbildes erfahren, in dem die einzelnen Blutwerte aufgelistet sind. Diese Parameter wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen, zu dem sich der Patient in einem bestimmten physiologischen Zustand befand. Sie lassen sich nur interpretieren, wenn man die standardisierten Grenzwerte kennt. Genau so eine Datenbank an Grenzwerten will die Arbeitsgruppe von Astrid Forneck vom Institut für Garten-, Obst- und Weinbau an der Boku Wien für Weinreben erstellen.
In den letzten zwei Jahren widmete sich die Forscherin den Vorbereitungen des Projektes, das einerseits österreichischen Weinbauern die Arbeit erleichtern, andererseits wissenschaftlichem Verständnis dienen soll. Etwa der Physiologie der Pflanzen auf genetischer Ebene. „Es ist nicht allen bewusst, dass Reben eigentlich Lianengewächse sind, deren ursprüngliches Ziel es war, pro Tag so hoch wie möglich nach oben zu wachsen“, erzählt Forneck.
Die Arbeit der Winzer ist demnach, die „Lianen“-Reben durch Rebschnitt und Laub-Management als Kulturpflanze zu halten. Dieses Bearbeiten setzt physiologische Prozesse in Gang, die dazu führen, dass die Pflanzen statt in Höhenwachstum in gute Fruchtproduktion investieren. Die Winzer kennen die Geheimnisse der Rebstöcke und managen das Wachstum und den Reifeprozess der Trauben mit hoher Qualität. Durch die gute Erfahrung der Winzer und im Zusammenspiel mit den aktuellen Forschungen hoffen die Wissenschaftler, die physiologischen Vorgänge bald bis zur molekularen Ebene hin zu verstehen. So ist z.B. bekannt, dass sich moderater Stress gut auf die Fruchtreife auswirken kann. Zu hoher Stress, wie Trockenstress, führt jedoch zu negativen Veränderungen der Pflanze. Diesen Stress bzw. die Stresshormone und Metabolite kann man an den Pflanzen chemisch nachweisen. Das ist nur ein Beispiel dafür, in welche Richtung derzeit geforscht wird. Heuer wollen die Wiener Forscher zehn von 100 möglichen Parametern analysieren und eine Basis schaffen, die zeigt, ob die Weinrebe gesund oder krank, ungestresst oder gestresst oder sonst wie beeinträchtigt ist.
In Weinbergen und Glashäusern
Dazu kooperieren die Leute der Boku mit verschiedensten Einrichtungen. Die molekulare Genetik der Pflanzen wird in der Boku untersucht, die Metabolite können im IFA-Tulln analysiert werden und für die Freilandversuche haben der Österreichische Weinbauernverband und private Weinbauern rund um Wien ihre Zustimmung gegeben, dass man an den Reben herumschnipseln darf. So werden Pflanzenteile über das ganze Jahr auf Inhaltsstoffe analysiert und viele Messungen an der intakten Pflanze durchgeführt. „Die Wasserpotenzialmessungen der Reben erfolgen teilweise in der Nacht. Schrecken Sie sich also nicht, wenn nachts in den Weinbergen am Cobenzl Menschen mit Taschenlampe rumschleichen. Das sind nur unsere Studenten“, meint die Wissenschaftlerin.
Zum Vergleich zur Feldforschung wird der gesamte Ablauf zeitgleich im Gewächshaus durchgeführt. Dort können einem wenigstens nicht Unwetter und Hagel die Langzeitmessungen vermasseln. Der Vergleich mit den künstlichen Bedingungen ist wichtig, jedoch geben die Freilanddaten ein reelleres Bild der Physiologie von mehrjährigen Weinreben. „Wir versuchen in dem Projekt, über drei Jahre die Realität einzufangen.“
Erstmals umfassende Daten
Heuer ist das erste Jahr mit massiver Datensammlung. Die Idee, so etwas wie Blutwerte für Weinreben zu erstellen, wird von allen Seiten (Weinbau, Wissenschaft) positiv aufgenommen. Ein holländischer Kollege meinte kürzlich zu Forneck, dass sie damit aber ein anspruchsvolles Projekt angehen würde. Ihre Antwort: „Ich weiß, aber irgendwer muss es ja tun! Und warum dann nicht hier in Österreich, wo man immer schon auf kleinerer Fläche versuchte, höhere Qualität zu erzeugen?“
INFO: Wein
In Österreich sind derzeit 35 Rebsorten für Qualitäts- und Prädikatsweine zugelassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2007)