Airan Berg verlässt das Wiener Schauspielhaus und programmiert die darstellende Kunst der Kulturhauptstadt Linz 2009. Ein Gespräch über Fantasie, und warum man Besucher nicht für Trottel halten sollte.
Melancholisch, euphorisch“, sagt Airan Berg (46) auf die Frage, wie es ihm gehe, und wirft Papierpacken in einen Container. Im Schauspielhaus in der Porzellangasse sind die Koffer gepackt. Berg, der die Bühne von 2001 bis 2007, teilweise gemeinsam mit dem Australier Barry Kosky, führte, geht. In Linz gestaltet er das Schauspielprogramm der Kulturhauptstadt 2009: „Wenn ich Freunden erzähle, dass ich nach Linz gehe, sagen sie: Eine schmutzige Stadt. Das stimmt überhaupt nicht! Die Luftqualität ist hoch. Aber Klischees bleiben eben extrem lang haften.“
Bizarre Bilder fesseln einen beim Durchblättern des Buches, das zum Ende von Bergs Direktionszeit am Schauspielhaus erschienen ist. Manches bleibt nachhaltig in Erinnerung, vor allem das Gesicht der kroatischen Schauspielerin Melita Jurisic, schön und hässlich, verletzlich und wütend, in ihren verschiedenen Rollen, „Medea“, „Macbeth“, Kobold Kosky am Klavier bei seinen gespenstischen Kreationen oder der zwischen Trauer und Sinnlichkeit balancierende „Familientisch“ von David Maayan.
Pech mit Sängerknaben
Viel Geld, wenig Output, nicht immer gut ausgelastet, Randgruppentheater, das Schauspielhaus wurde auch kritisiert. Doch für den Besucher war es in diesen Jahren, nicht zum ersten Mal, aber anders als bei Hans Gratzer oder George Tabori, ein angenehmer, weltläufiger Ort. Etikette gab es keine, obwohl modische Etiketten wie multikulturell, multimedial, international passten. Man erforschte Shakespeare und Tschechow, aber auch jüdische, habsburgische Mythen, reiste nach Asien, Afrika.
Im Herbst folgt Andreas Beck, Burgtheater-Dramaturg und Gestalter des für die Jugend attraktiven Programms im Burg-Kasino, auf Berg. Wie lautet die Bilanz? „Wir haben versucht, Klischees zu durchbrechen, wie ich das jetzt auch in Linz machen möchte“, sagt Berg: „Wir haben von außen einen Blick auf Wien geworfen. Am überraschendsten war, dass die Vielsprachigkeit sofort angenommen wurde. Wir dachten, das wird Jahre dauern. Besonders erfolgreich waren ,Medea‘ oder Koskys Kafka-Abend ,Der verlorene Atem‘. Nicht aufgegangen ist ,Wiener Lächeln‘ mit den Sängerknaben. Wir wollten ,Herr der Fliegen‘ machen, haben aber die Rechte nicht bekommen, mussten umdisponieren. Theater ohne Scheitern gibt es nicht, aber wenn man scheitert, sollte man zumindest etwas Radikales, Ästhetisches gemacht haben.“
Mit elf Jahren kam Airan Berg, in Tel Aviv geboren, nach Wien. Der Vater war im Südfrüchte-Handel tätig. Berg studierte Theater in den USA, war am Broadway Assistent des legendären Harold Prince. Über die Salzburger Festspiele kam er zu Claus Peymann an das Burgtheater, wo er assistierte und inszenierte. Was hat er von Peymann gelernt? „Besessenheit und Durchsetzungskraft, dass man sich als Intendant kümmern muss um sein Haus. Mit den Kolleginnen und Kollegen gehen wir hier aber anders um, wir arbeiten nicht über Angst, sondern über Fantasie.“
Fantasie, das ist Airan Bergs Lieblingswort – und so abgebraucht es zunächst klingt, es passt gut zu dem bilderreichen, vieldeutigen Stil des Schauspielhauses: „Viele Theaterleute denken, das Publikum hat keine Fantasie. Man muss ihm alles erklären: Das ist gut, das ist schlecht, das ist schwarz, das ist weiß, und wenn du es nicht verstehst, bist du ein Trottel. Das ist nicht mein Stil. Ich stelle Fragen und hoffe, dass die Besucher durch mein Theater anders wach werden und schauen. Wenn hundert Menschen in einem Theaterraum sitzen, laufen hundert verschiedene Fantasien ab. Jeder hat einen anderen Background, andere Codes. Für mich gibt es nicht richtig oder falsch. Ich habe in dieser Zeit auch viele Gespräche mit Schülern geführt und festgestellt: Schüler in Österreich trauen sich oft nicht zu reden, weil sie denken, dass sie nichts verstehen. Wenn man dann mit ihnen spricht und ihnen das Gefühl gibt, dass man sie nicht für dumm hält, rücken sie plötzlich mit Interpretationen heraus. Es ist gut, wenn nicht alles verständlich ist, denn dann denken die Leute länger darüber nach, als wenn man sagt: Das ist ein Bitter Lemon, sonst nichts. Ein Stück kann man emotional verstehen und mit dem Intellekt, aber nie nur mit dem Intellekt.“
60Mio.€ für Kulturhauptstadt
Über Linz mag Berg noch wenig sagen: „Wir haben vereinbart, dass wir das im Herbst gemeinsam machen.“ 60 Millionen Euro lässt sich die öffentliche Hand die Kulturhauptstadt Linz kosten: „Es wird Kooperationen mit den Institutionen am Ort geben und auch international. Die Künstler scharren schon in den Startlöchern und die Bevölkerung ist interessiert an Kultur. Man muss jetzt nur aufpassen, dass man diese Energie nicht in drei, vier Monaten verpulvert.“
Die meisten Theaterleute bewegen sich von der Szene ins Etablierte. Bei Berg ist es umgekehrt. Trotzdem ist er erfolgreich in einem Bereich, in dem viele vergebens ihr Glück versuchen. Ist er ein Träumer oder ein Karrierist? „Ich bin Träumer und Realist, aber sicher kein Karrierist, da würde ich was anderes machen. Mit dem Theater habe ich mir meinen Kindheitstraum erfüllt.“
LINZ-KULTUR 2009
Landestheater, Phönix, OK (Offenes Kulturhaus), Lentos-Museum, Ars Electronica – Linz verfügt über eine vielfältige Kulturszene, die ins Kulturhauptstadtjahr integriert sein wird.
Einige Schwerpunkte in Airan Bergs Schauspielprogramm: Industrie, Natur, NS-Vergangenheit, Sozialpolitik, Vielsprachigkeit, Interkulturalität, Minderheiten.
Vorsicht Geld: Graz sitzt seit Kulturhauptstadtjahr '03 auf hohem Schuldenberg.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2007)