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"Harry Potter": Glasbruch in der Mysteriumsabteilung

Warner
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Der fünfte Harry Potter-Film. "Der Orden des Phönix", eine Raserei durch Seelenangst, Schnee und Stofftapeten.

Das erste Bild, nach dem anfänglichen englischen Nebel natürlich, zeigt ein einsames Ringelspiel, das sich langsam dreht. Dann wird's schnell kalt auf dem Spielplatz, aus dem kindlichen Gerangel wird Ernst: Die Dementoren kommen, diese eisigen Wesen, die jede Seele mit Instant-Angst erfüllen oder sie gar ihrem Besitzer aus dem Leib küssen.

Schnell ist dieser Schrecken überstanden, schnell darf wieder geschmunzelt werden über die Ziehfamilie Harry Potters, schnell ist man wieder draußen aus dem Wohnzimmer, und schon rasen die jungen Zauberer auf ihren Besen über das nächtliche London.

Der nächste Schrecken kommt bald: Mehr noch als in den vier vorgehenden Filmen wirkt Harry Potter von Anfang an wie getuned auf das Entsetzen, eine vorauseilend zitternde Antenne für das Grauen, man sieht ihm das Bauchweh, das Buchautorin Joanne K.Rowland so bemüht und facettenreich beschreibt, an. Wenn Kritiker dem Schauspieler Daniel Radcliffe vorhalten, er wirke überfordert, dann loben sie ihn: Die Figur, die er zu spielen hat, ist ein Überforderter, Harry reift den Herausforderungen hinterher. Diese teils gotische, teils mit Seventies-Tapeten behangene Welt vor dem Bösen retten, das ist doch einiges für einen Elf- bis Sechzehnjährigen, der ja nebenher das übliche Pubertätsprogramm absolvieren soll...


Da war dann noch ein Mistelzweig

Ach ja, die Liebe. Sie läuft schüchtern am Rand im fünften Potter-Film: Warum er die farblose Cho Chang (Katie Leung) küsst, abgesehen von der Tatsache, dass da gerade ein Mistelzweig herumhängt, erschließt sich noch viel weniger als im Buch; dass sich die beiden Körper nicht nahekommen, mag ja als rührend unschuldiges Detail gedacht sein. Mit der originellen (und todeserfahrenen!) Blondine Luna Lovegood wäre mehr an Erotik drin, scheint Regisseur David Yates in manchen Szenen anzudeuten, aber was soll's, wir sind nicht bei James Bond, hier muss dafür nicht immer Zeit sein, weiter geht's auf der Magical Mystery Tour, die auch diesmal kabarettistische Stationen enthält: Imelda Staunton spielt die widerliche Schul-Großinquisitorin Dolores Umbridge mit einem meisterlich aufgesetzten Lächeln, durch das die Bosheit lugt. Ihre äußerst schmallippige Konfrontation mit Minerva McGonagall (bravourös gouvernantenhaft: Maggie Smith) ist ein Höhepunkt wie das Feuerwerk, das ihr die schlimmen Weasley-Brüder anrichten.

Das ist naturgemäß eine ziemliche Materialschlacht. Aber in solchen Schlachten hält sich David Yates ganz gut, indem er, vor allem in den Massen- und Großraumszenen, konsequent symmetrisiert und ästhetisiert. Der Parcours durch die mit Unmengen von Gläsern (Prophezeiungen!) bestückte Mysterienkammer (in der es ein bisschen so verstaubt aussieht wie im Wiener Naturhistorischen Museum): beste Ken-Russell-Tradition! Auch der Glasbruch im Lauf der finalen Auseinandersetzung ist imposant.

Ob man bei dieser zittert? Na ja. Der fünfte, überlange Harry-Potter-Roman zehrt von dem Unbehagen in der (Zauberer-)Kultur, das sich lange auflädt (und nur selten entlädt), das kann ein (halbwegs) treu durch die Handlung rasender Film schwer nachmachen, dessen Sprünge wohl kaum versteht, wer nicht zuerst das Buch gelesen hat.

Und das zentrale Motiv, dass sich der böse Voldemort in Potters Geist schleicht, das wird durch Zitterkamera à la MTV im Film nicht wirklich plausibel. Weit eindringlicher wirken die ruhigen, kühl-plakativen Landschaftsbilder: Viel Schnee liegt diesmal in Hogwarts, auch bei der (vor-)letzten Verzweiflung, in der Harry, seinen Paten Sirius Black (in der Manier eines stark überlebten Hardrock-Schlagzeugers: Gary Oldman) beweinend, sich wälzt. Im Schnee. Oder sind es feine Glasscherben?

Ab 12.Juli bundesweit in den Kinos.

Diashow: www.diepresse.com/potter

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2007)