Festspiele Reichenau. Hofmannsthals "Schwieriger", sprachlich top, schauspielerisch mittel. Joseph Lorenz als trüber Kari Bühl und andere edle Geschöpfe von gestern.
Wenn klassische Werke fast nur mehr in Bearbeitungen erscheinen, freut man sich, wenn man endlich einmal einen Originaltext vorgeführt bekommt. Weil das Deklamieren auf der Bühne dem natürlichen Sprechen – gelegentlich auch Nuscheln, Murmeln, Brüllen – weichen musste, ist es wohltuend, zur Abwechslung einen normalen Ton zu hören. Für diesen eignet sich exzellent der beredte „Schwierige“ von Hofmannsthal (UA: 1921). Die Aufführung bei den Festspielen Reichenau im Südbahnhotel/Semmering war im Vorfeld heiß begehrt.
Dramatische Szenen sollen sich beim Gerangel um Karten abgespielt haben. Mit Stöcken bewaffnete Theaterbesucher verlangten einen Zubau. O.k., das war jetzt ein Witz.
Also ein richtiger Event, dieser „Schwierige“, der unkritisch genossen sein will. Kann er das mit gutem Gewissen? Er kann. Wenn man sich das altösterreichische Heiligtum, dem in letzter Zeit Karlheinz Hackl oder Helmuth Lohner Kontur gaben, schriftlich zu Gemüte führt, fragt man sich, wo die einstige Begeisterung herrührte über dieses gezierte Gerede, fast jeder Satz ein Bonmot, aber die Psychologie: absolut antiquiert. Und die Anordnung der Figuren wirkt auch recht durchsichtig in ihrer Schwarz-Weiß-Malerei: Hier die Guten von gestern, dort die Schlimmen von morgen.
Lebhaft, witzig: Toinette, Stani
Regisseur Christopher Widauer sorgte für richtige Melodie, geschliffene Artikulation. Im ersten Teil schleppt die Sache etwas. Insgesamt aber wirkt dieser „Schwierige“ weder langweilig noch altmodisch. In Reichenau wird rollengerecht besetzt. Die Akteure müssen daher nicht mühsam erspielen, was sie nicht haben. Ein Vorteil. In einem mittleren Ensemble machen sich manche gut, die in Konkurrenz mit Spitzenmimen schwer bestehen könnten. Im Ensemble-Spiel dieser Aufführung gibt es manch hinreißende Auftritte und kaum peinigende Ausfälle.
Joseph Lorenz spielt den leise angegrauten Junggesellen, der reich, aber vom I.Weltkrieg gezeichnet ist: Haltung, Benehmen stimmen. Insgesamt bleibt die Darstellung in ihrer monotonen Resignation, überschattet von immer dem gleichen traurigen Lächeln lau. Dieser „Schwierige“ hat allerlei Grimassen, verströmt aber selten Aura. Die interessanteste Figur ist Markus Meyers widerlicher Baron Neuhoff; Hofmannsthal attackierte das effiziente, aber taktlose „Preußentum“. Dieser schmallippige Fundamentalist weist schon auf die NS-Zeit voraus. Grandios. Köstlich ferner, wenn auch deutlich weniger komponiert: „die Edine“, stattliches, leicht überwuzeltes Aristocat, das von einem Fettnapf in den nächsten stolpert. Sylvia Lukan entzückt. Wunderbar ist auch die Szene, wenn der wegen seiner flatterhaften Ehefrau unglückliche Ado Hechingen (Gottfried Breitfuss) seine Toinette, die vor Fadesse platzt und Kari liebt, wieder einfangen will: Dorothee Hartinger, nervös, keck, zärtlich mit Kraushaar im roten Kleid parliert zu bayerisch, ist aber sonst sehr gelungen. „Die Toinette“ und „der Stani“ sind die wichtigsten Nebenakteure. Ludwig Blochberger serviert eine nicht unwitzige, fugenlos einstudierte Nummer: Junger Herr im öffentlichen Raum, macht sich wichtig und versucht, immer gut wegzukommen.
Ulrike Beimpolds Kari-Schwester Crescence setzt sich etwas zu laut und schrill in Szene. Hübsch, aber zu amorph-blass: Eva Herzig als Tochter aus bestem Hause, Helene Altenwyl, nachdenklich und klug, fängt den Zauderer am Ende ein. Da kommt Geld zum Gelde, würde man im Salon flüstern.
Den „Schwierigen“ könnte man natürlich ganz anders spielen: mit mehr Schärfe und mehr Einblick in die Abgründe dieser Menschen, die doch alle auch ihre dunklen Seiten haben. Riskiert wurde hier gar nichts, nicht einmal das bisschen, das man leicht hätte riskieren können: Eine Nuance mehr Schatten und Temperament für die Figuren. Aber wozu? Das Publikum würde einen noch so zart modernisierten „Schwierigen“ nicht wollen. Bei der Premiere am Donnerstag wurde die niveauvolle und exakt exekutierte Literaturpflege herzlich bejubelt.
HOFMANNSTHAL (1874–1929)
Der Spross einer Industriellenfamilie, die ihr Vermögen an der Börse verlor, schildert im „Schwierigen“ das Milieu, das er kannte, und den alten Adel der Monarchie, den er bewunderte. Das Werk entstand in der Zeit von 1909–1920 und wurde 1921 mit großem Erfolg in München uraufgeführt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2007)