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Eilmarsch in die Gesellschaft der Alten

VERGREISUNG. Der Anteil der über 65-Jährigen wächst in China in rasantem Tempo. Der Staat ist nicht vorbereitet.

PEKING. Zhang Yu ist gern ins Altersheim gezogen. Als die 77-jährige Witwe die kleine Wohnung zu ebener Erde in einem Park mit Fischteich und Pavillons sah, sagte sie spontan: „Hier will ich bleiben.“ Die Unterkunft im „Taisheng-Xianghe“-Heim ist zwar teuer, aber großzügig im Stil eines alten chinesischen Gartens angelegt. „Hier ist immer jemand da, der sich um mich kümmert“, sagt die ehemalige Parteifunktionärin.

So gut wie der Pekingerin geht es nur einer winzigen Minderheit in China. 74 Prozent der Chinesen über 65 Jahre sind nicht sozialversichert. Deshalb bedeutet Altwerden für die meisten Chinesen, auf dem Geldbeutel der Kinder zu liegen und in ständiger Angst vor Krankheit und Armut zu leben.

Das ist umso dramatischer, als China, das sich vom bitterarmen Entwicklungsland in eine „Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand“ verwandeln will, vor einem lange ignorierten Problem steht: Das Land mit seinen heute 1,3 Milliarden Menschen vergreist – und niemand weiß, wie der Staat die vielen Alten versorgen soll.

„Es herrscht eine Alterskrise“, sagt der Tianjiner Professor Li Jianmin. Er warnt vor heftigen sozialen Turbulenzen, wenn die Regierung sich nicht schnell auf die Zukunft vorbereitet: Denn in weniger als 20 Jahren, errechnete Li, wird die Zahl der über 65-Jährigen auf 391 Millionen ansteigen – jeder fünfte Chinese wird alt sein.


„Atemberaubende Dimension“

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass der Anteil der Alten wächst. Einzigartig ist vielmehr die Geschwindigkeit: Während sich die Zahl der über 65-Jährigen in den vergangenen 30 Jahren um 28 Millionen erhöhte, werden in den kommenden 30 Jahren weitere 247 Millionen über 65-Jährige dazukommen. Bevölkerungsforscher Li: „Die schiere Größe dieser Transformation und ihre Bedeutung für die Gesellschaft sind atemberaubend.“

Die Familie der 24-jährigen Redaktionsassistentin Zhu Wenjuan spiegelt diesen Trend wider: Ihre Großeltern hatten so viele Geschwister und Halbgeschwister von Hauptfrauen und Konkubinen, „dass wir sie nie gezählt haben“, berichtet sie. In der Generation der Eltern schrumpften die Haushalte bereits. Zhus Vater und Mutter hatten zusammen nur noch sieben Geschwister. Sie selbst ist, wie die anderen Enkel, nach Einführung der „Ein-Kind-Familien-Politik“ Anfang der 80er, als Einzelkind aufgewachsen. Dass die Chinesen älter werden, liegt auch an der besseren medizinischen Versorgung, die es nach der Gründung der Volksrepublik 1949 gab. So werden die Bewohner des Landes heute im Durchschnitt über siebzig Jahre alt.

Zu Zeiten Mao Zedongs sorgten noch Staatsbetriebe und Volkskommunen für die „Eiserne Reisschale“: Jeder Bürger wurde von der Wiege bis zum Tod betreut. Sozialversicherungen waren nicht notwendig. Doch mit Chinas Wirtschaftsboom ist die Eiserne Reisschale zerbrochen. Die meisten Menschen müssen sich nun selbst um Arztrechnungen und Renten kümmern. Peking versucht seither, nach westlichem Vorbild eine Pensionskasse zu errichten.


Pensionskasse im Minus

Doch die steckt tief in den roten Zahlen, weil das Geld sofort wieder an die vielen Alten ausgezahlt wird, die während der Zeit der Planwirtschaft zu minimalen Löhnen gearbeitet und nie in die Rentenkasse eingezahlt hatten. Bis 2010 wird der Fonds voraussichtlich Schulden von 110 Milliarden US-Dollar aufgehäuft haben, schätzt Bevölkerungsforscher Li.

Auf dem Land, wo zwei Drittel der über 65-jährigen Chinesen leben, besitzen bisher weniger als fünf Prozent der Bürger eine Kranken- und Rentenversicherung. Gleichzeitig schwindet die Hoffnung, dass die Alten von ihren Kindern versorgt werden. Denn traditionelle Familienbande zerbrechen. In vielen Dörfern sind inzwischen kaum noch junge Leute übrig: Die meisten ziehen als Wanderarbeiter im Lande umher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2007)