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Was vom glorreichen Tag übrig blieb

(c) APA (Robert Jäger)
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Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" im Theater Reichenau. Peter Matic als Verleger Clausen: Ergreifend.

Erben und Sterben. An diesem Thema nimmt nicht nur das bürgerliche Publikum in Reichenau lebhaften Anteil. Es raunte, seufzte hörbarer als sonst mit bei Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ im Theater Reichenau am Freitag. Geraunt, geseufzt, getobt hat wohl auch der Dichter, ein früher Patchworker mit mehreren Frauen und Kindern. Seinen Verleger Clausen indes stattete Hauptmann mit überirdischer Gutartigkeit aus: Ein erfolgreicher Unternehmer, ein Geistesmensch, ein idealer Gatte, ein geduldiger Vater wird in diesem Stück, von seinen grässlichen Kindern gehetzt. Wie weiland Lear findet er den Tod, aber nicht im Wahnsinn, sondern durch Blausäure.

Die hinreißendsten Szenen in dieser von Beverly Blankenship mit kundiger Hand inszenierten Aufführung sind jene zwischen dem alten Clausen (Peter Matic) und seiner in der Tat reizenden Geliebten Inken (Elisa Seydel): So hübsch, so lebensvoll und so emanzipiert! Am Ende hockt Clausen wie ein Sandler in Unterhemd barfuß und greisenhaft verwirrt auf einem Bett, da, wo er glücklich war, im Schlosspark Broich. Dort unterhält Inken ihren Kindergarten. Der Mann, der herrisch sein Imperium lenkte, sieht nach dem Verrat seiner Kinder, im Diesseits nur mehr das Jenseits. Ein blitzartiger, erschreckender Verfall. Matics gelassene Genialität ist immer wieder verblüffend. Die Version von Sebastian Hartmann im Burgtheater 2003 mit Martin Schwab war naturgemäß spektakulärer. Doch die Empathie, mit der Blankenship auf die Figuren blickt, hat auch ihre Qualität. Das Ensemble: Recht gut. Ludwig Hirsch als Original fehlt; er hätte Clausens halb ergebenen, halb neidischen besten Freund Geiger geben sollen, ist aber erkrankt. Da Geiger vor allem anfangs Schlüsselszenen zu absolvieren hat, kommt die Aufführung etwas langsam in Gang. Textpassagen Geigers wurden von Rainer Frieb übernommen, der Clausens Hausarzt Steynitz spielt; etwas manieriert. Ausgezeichnet: Marcello de Nardo als Justizrat Hanefeldt, der Prototyp des Rechtsvertreters als skrupelloser Rechtsverdreher für seine „Partei“; als er dem Alten die Nachricht überbringen muss, dass er unter Kuratel gestellt wird und seine bürgerliche Ehre verlieren soll, wird das Ekel aber dann doch leichenblass. Frisch, jung, sympathisch und ahnungslos: Sascha Oskar Weis als Clausens jüngster Sohn Egmont. Hannes Gastinger überzeugt als polternder Schwiegersohn Erich Klamroth, der sich für tüchtiger hält als er ist und den Patriarchen beseitigen will; die hübsche Tamara Metelka ist um ihre „Wurzenrolle“ als ewig vorwurfsvolle, vom Schicksal benachteiligte Tochter Bettine, die Clausens letzten Frühling passiv-aggressiv bekämpft, nicht zu beneiden, aber sie erledigt die Sache gekonnt. Köstlich stoisch: Rolf Schwab als Diener. Inkens gute Mutter spielt mit Herz Gertrud Roll.


Apartes Bühnenbild

Wenn die zwei Hauptakteure nicht auf der Bühne sind, wirkt die Aufführung zwischendurch etwas brav, grau und bieder, trotz der fortwährend dramatisch untermalenden Musik. Apart: Peter Loidolts Bühnenbild mit verschiebbaren Wänden, auf denen Zitate des Dichters und die Flora des Schlossgartens erscheinen. Das Publikum jubelte und hatte bis auf den sensationellen Matic eine seriöse Aufführung zu einem brandheißen Thema erlebt. Was will man mehr?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2007)