Reichenau wird endlich der Marsch geblasen

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Theater-Kritik. Alfred Kirchner inszeniert "Hauptmann von Köpenick" im Post-Sixties-Design. Wunderbar: Martin Schwab.

Wenn das Claus Peymann sähe, es würde ihn amüsieren. Acht Jahre nach dem Ende seiner Burgtheater-Ära hat die „Preußen-Kolonne“ den Anti-Preußen-Hort Reichenau erreicht. Hermann Beil, der Bernhards „Alte Meister“ inszenierte, zog seinen alten Spezi Alfred Kirchner, unter Peymann an der Burg, in die Edel-Sommerfrische. Und es geht höchst zackig zu bei Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“: Mensch, wa, wolln ma doch den Österreichern mal zeign, was ne echte Berliner Schnauze ist.

Allerdings stammen Kirchner, nach Wien im Leitungsteam des Berliner Schillertheaters, das 1993 geschlossen wurde und nun als freier Regisseur (u. a. „Ring“ in Bayreuth) tätig, wie sein Schulkollege Martin Schwab, der den Hauptmann spielt, beide aus Süddeutschland. Tut nichts, der Ton stimmt absolut, manchmal muss man etwas genauer hinhören, wenn's gar zu rasant schnoddert.

Ensemble exerziert exakt

Kirchner und Schwab (und Peter Matic, siehe unten auf dieser Seite) sind heuer siebzig. Auf dem Theater sind Senioren offenbar sehr gefragt, und siehe da: Sie brillieren. Allerdings wirkt Kirchners Inszenierung mit den Masken und dem guten alten Agitprop-Appell (Schaut her, wie fies und mies die da oben sind) leicht museal. Strenge ist im Übermaß vorhanden, es fehlt ein wenig an Leichtigkeit und Wärme, vor allem anfangs.

Dem Theater ist der einst viel gespielte und auch als Zeitzeuge geschätzte Zuckmayer (1896-1977) fast abhanden gekommen mit seinem volkstümlichen Realismus. Im „Hauptmann von Köpenick“ (UA: 1931) karikiert er das wilhelminische Deutschland, dessen Militarismus zu dieser Zeit in die NS-Diktatur mündete. „Es war der letzte Augenblick, dem deutschen Volk im Spiegel des Humors und der Vergangenheit die Gefahren der Zukunft darzustellen“, schrieb der Dichter. Entstanden ist eine Satire, die zu ihrem Kulminationspunkt recht lange braucht, und für Reichenau klug eingestrichen wurde. Im Neuen Raum begleiten Projektionen die Aufführung. Das ganze Design lässt die Festspiele „modern“ aussehen wie selten. Auch wenn es nur die Avantgarde von gestern ist, die sich hier übrigens schauspielerisch farbenprächtig produziert.

Martin Schwab, der schon viele einfachere Menschen gespielt hat, z. B. den Priester auf Abwegen in Turrinis „Tod und Teufel“, wirkt am Beginn fast eine Schuhnummer zu groß für den Schuster Wilhelm Voigt. Die Suada des kleinen Mannes, die Heinz Rühmann so blendend drauf hatte, kommt bei Schwab eher aus halber Höhe eines bloß vom Schicksal herabgedrückten inneren Hochmuts. Man kann sich diesen Hauptmann eher als brummigen Prinzipal seiner eigenen Werkstatt vorstellen denn als Ex-Zuchthäusler. Trotzdem ist Schwab natürlich wunderbar, mit seinem weißen Schnurrbart, unter dem es hervor räsoniert, knurrt, jammert – und wenn er dem todkranken Mädchen (Karin Lischka) die Bremer Stadtmusikanten vorliest („Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden“) kommen einem fast die Tränen und man möchte rufen: Weiter, weiter!

Das Ensemble agiert präzise, auch in der Gestaltung kleiner Rollen und vor allem in Hinblick auf die rasanten Szenen-Wechsel und -Umbauten eindrucksvoll. Herrlich: Jürgen Maurer als geschasster Gardeoffizier und als fauler Wachtmeister am Rathaus von Köpenick; Cornelia Lippert als Voigts gutherzige, aber von der miesen Wirtschaftslage überforderte Schwester Marie; André Pohl als ihr Gatte, der das System auch dann noch feurig verteidigt, als er militärisch nicht avanciert. Gediegen: Florentin Groll als Voigts Kumpel Kalle; Johannes Terne als eitler Bürgermeister, Lutz Blochberger als Uniform-Zuschneider Wabschke, ein Kobold, der sich mit seinem Buckel in skurrilen Sprüngen über militärische Zwänge hinwegsetzt; sein soignierter Chef Adolf Wormser (Wolfgang Pampel) mag das nicht leiden. Schön auch: Babett Arens' herbe Plörösenmieze, ferner spielt sie die Gattin des Bürgermeisters von Köpenick, eine aus Ehrgeiz für ihren Gatten hysterische Dame.

Irritierend wirkt die eifrig belachte Szene, wenn Voigt beim Kostümverleiher Krakauer (Nicolaus Hagg), einem Juden, der sämtliche antisemitische Stereotypen in sich versammelt, die Uniform für seinen Streich als Hauptmann ersteht. So breit hätte man das nicht ausspielen müssen. Sonst hat man ja auch einiges verändert: Der Uniform-Schneider Wormser ist bei Zuckmayer ein Mann mit „geringen jüdischen Rassemerkmalen“, wird aber keineswegs so dargestellt.

Regietheater (fast) ohne Regietheater

Der langatmige Text gewinnt dank rasanter Blackout-Folge Dichte. Das Publikum jubelte. Ob es sich mit der Zeit an Regietheater (fast) ohne Regietheater gewöhnt? Das wäre für die Zukunft gut, wandert man doch mit Regisseuren auf einem allzu konservativen Weg. Man muss sich nicht gleich der Avantgarde in die Arme werfen. Es gibt gangbare Mittelwege. In Reichenau hat man mit dem „Köpenick“ jetzt einmal einen beschritten, aber es gibt originellere Lösungen auch.

ZUR PERSON. Martin Schwab

Geboren in Baden Württemberg ist Martin Schwab am Burgtheater, wenn auch inzwischen offiziell in Pension, komplett heimisch geworden. Er spielte große und kleinere Rollen in Stücken von Bernhard, Jelinek, Handke, Turrini, den „Woyzeck“ oder in Hellers „Sein und Schein“. Ab Herbst ist Schwab wieder in „Höllenangst“ und „Lear“ zu sehen. Die Burg bringt ein Buch über Schwab & Ignaz Kirchner heraus. [APA/Jäger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2007)

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