"Live Earth". Jon Bon Jovi schwört dem Haarspray ab, Madonna will den Planeten hüpfend retten, und auch die Foo Fighters haben noch ein Bekenntnis übrig: Eindrücke von einem weiteren allergrößten Pop- und TV-Event.
Sie sagen uns, was Sie an Ihrem Leben ändern wollen“, hieß es am Samstag auf Pro7, „und vielleicht erscheint Ihr Name auf dem Bildschirm.“ Eine hübsche Liturgie für die säkulare Beichte, die – vielleicht! – selbst zur Belohnung in Form von medialer Präsenz wird: berühmt für fünf Sekunden, im Duktus des – auf der London-Bühne schön wild gegebenen – Foo-Fighters-Songs „Best Of You“: „I've got another confession to make.“ Nur dass die Nachnamen der Besserungswilligen abgekürzt über den Bildschirm rannen, verwirrt: Ist dieses Outing doch zu gewagt?
Al Gore ist da weniger zurückhaltend: „I walk the walk, I don't just talk the talk“, sagte er stolz: Es sei ein Privileg, an einem Moment der Geschichte teilnehmen zu dürfen. Den Pro7-Interviewer erschütterte dieses Bekenntnis so, dass er, selbst ein Interview gebend, auf die Frage „Wie ist Al Gore?“ antwortete: „Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Mann, ist der groß!“
Die Größe des Ex-Vizepräsidenten und der guten Sache drückte auch aufs Gewissen von Männern, die man sonst nur Lüsternes beichten hört: Jon Bon Jovi bekannte öffentlich seinen einstigen unmäßigen Verbrauch an Haarspray, diese „Jugendsünde“ wolle er mit seinem Auftritt wieder gut machen. Ob ihm das gelungen ist, darüber wollen wir an dieser Stelle nicht richten, genauso wenig über den aktuellen, auf Pro7 ebenfalls liturgisch wiederholten Slogan von Dauerfräulein Nena: „Mach Frieden mit dir und der Erde.“ Auch nicht darüber, dass man im Österreich-Fenster des Senders der armen Christine Lugner, die wirklich andere Sorgen hat, die Ansicht entlockte, dass aus Flugzeugen „Kerosin auf uns runtergeht“.
Ein „geistiges Ozonloch“
Wohl aber über das – freiwillige – Kabarett des Michael Mittermeier, der bei seinem Auftritt in Hamburg u.a. George Bush als „geistiges Ozonloch“ bezeichnete und meinte, dass Schäuble zu einem „Gollum auf Rädern mutiert“. Solche dummen Stammtisch-Scherzchen quittierte ein Moderator mit der devoten Anrede: „Dein Auftritt war ja extrem politisch!“ Worauf Mittermeier sich weitere extrem politische Äußerungen entlockte: Die Wähler sollen doch einfach in Zukunft die Partei wählen, „die das beste Zukunftskonzept hat“. Ähnlich peinlich war der deutsche Rasta-Poseur Jan Delay, dem auch zu „Klimawandel“ nur sein Lieblingswort „Scheißstaat“ einfällt und der in seinem bodennahen Kiffer-Humor u.a. einem Song namens „Feuer“ attestierte, dass er „komplett ohne CO2-Ausstoß kommt“.
Da machte die Heute-Abend-große-Rührung-Routine von Show-Professionals wie Alicia Keys bessere Figur. Wirkliche Rührung kam beim graubärtigen Cat Stevens auf, der auch als Yusuf Islam noch „Wild World“ singen kann: Der Song mit seiner naiv-weisen Hippie-Moral liegt irgendwie in der Luft, auch James Blunt traute sich dran.
Auf die Yuppie-Ethik der Achtzigerjahre rekurrierte dagegen Madonna, die sich völlig zu Recht als Star des Tages gerierte (wer außer ihr war bitte ein Star, Genesis vielleicht???): „Rette dich selbst, verlass dich auf niemand anderen“, hieß es in „Hey You“, das sie mit großem Kinderchor in Schuluniform vortrug, geschmackvoller als weiland „We Are The World“, aber... Dass sie bei jedem Anlass (bzw. bei jedem zweiten Album) „eine Revolution starten“ will, das ist man ja gewohnt, aber dieser Rückgriff auf Lasset-die-Kindlein-zu-mir-kommen-Ästhetik à la Michael Jackson? Egal. So seltsam waren die Achtziger eben. Und „La Isla Bonita“ mit Gipsy-Ensemble war wirklich heiß...
„Wenn ihr den Planeten retten wollt, dann lasst mich euch springen sehen!“, rief Madonna bei „Ray of Light“ in die Menge. Natürlich kann man über solche Dummheiten trefflich schmunzeln, insgesamt wirkte das „Live-Earth“-Event weniger unpassend als etwa „USA For Africa“, wo man während der Konzerte schon den nackten Zynismus spürte, oder „Live 8“, wo wirklich nur der „gute Wille“ als gemeinsamer Nenner blieb. Bei „Live Earth“ provozierte das Anliegen selbst viele Zuseher und sogar manche Ausführende, z.B. Jamiroquai, der seinen Kraftfahrzeug-Wahn damit entschuldigte, dass andere noch mehr als 40 Autos hätten. Und ORF-Co-Kommentator Eberhard Forcher hatte völlig Recht mit seiner Anmerkung, dass Rapper wie Xzibit, die dauernd vom „Uppimpen“ ihres Autos faseln, nicht wirklich das Thema des Tages repräsentieren.
Zwei Milliarden und 17?
Zumindest das war es, „Thema des Tages“ auf allen Kontinenten. Und der siebte Kontinent, die Antarktis? Dort ist tiefster Winter, eisig, finster, dorthin kann man keine Madonna schicken, dorthin kann man derzeit überhaupt niemanden bringen – das letzte Schiff ging im April, das nächste kommt im Oktober –, von dorther kann man auch nichts live in alle Welt übertragen. Aber es ist doch eine Band dort, Nunatak, die Hausmusikgruppe der britischen Antarktisstation Rothera. „Es ist im Moment nicht kalt, nur minus sechs Grad“, berichtete Matt Balmer, Gitarrist und Songschreiber der Gruppe, die ihren Auftritt unter freiem Himmel absolvierte. Er wurde tags davor aufgezeichnet und dann per Email losgeschickt. Balmer spielte vor allen 17 übrigen Besatzungsmitgliedern und scherzte schon vorweg: „Es werden vermutlich Groupies da sein und uns mit ihrer Unterwäsche bewerfen.“
Hier immerhin war die Teilnehmerzahl leicht zu ermitteln. Mit welchen Rechenmethoden die Veranstalter auf die „zwei Milliarden weltweit“ kommen, die, wie sie schon Tage davor wussten, die Konzerte verfolgt haben sollen, ist dagegen völlig rätselhaft.
Was bleibt? Der Appell an Xzibit, Jamiroquai und Konsorten, ihre Pferdestärken abzurüsten? Die Ächtung von Einwegprodukten und Schneekanonen? Hoffentlich. Die simple Freude am „Live-dabei-Sein“, am „historischen Moment“, und sei es nur ein kräftig mitgebrüllter Refrain? Sicher. Ist ja auch okay, live ist live und bringt die Leute zusammen. Vielleicht aber auch ein Unbehagen mit den Protz- und Prunk-, Rühr- und Mitmachgesten des Showbetriebs. „Ihr seid Teil einer globalen Bewegung: Wie fühlt sich das an?“, lautete eine weitere hilflose Interviewfrage. Sie bleibt offen.
„LIVE EARTH“ LIVE: Nicht so gut besucht wie erwartet
www.diepresse.com/liveearthAuf allen Kontinenten gab es am Samstag „Live-Earth“-Konzerte: in Sydney, Tokio, Shanghai, Hamburg, London, Johannesburg, Washington, New York sowie Rio de Janeiro, dem einzigen Event mit freiem Eintritt. Ein Mini-Beitrag kam gar aus der Antarktis.
Als Initiator der Konzertreihe trat der ehemalige US-Vize-Präsident Al Gore auf, der für seinen Doku-Film „Eine unbequeme Wahrheit“ im vergangenen Februar einen Oscar bekommen hatte. Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte das Engagement des Konzerns Daimler-Chrysler als Sponsor. Das sei „reine PR“.
Insgesamt waren die Veranstaltungen nicht so gut besucht wie erwartet: In Rio, am Strand der Copacabana, kamen bei freiem Eintritt immerhin 400.000 Zuschauer, in Hamburg fanden die Konzerte bei strömendem Regen vor halbleeren Rängen statt.
Auf dem Wiener Rathausplatz fanden sich 40.000 Menschen zur Live-Übertragung ein. Derart begleiteten 7000 Veranstaltungen in 129 Ländern den Konzertmarathon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2007)