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Rettet – uns selbst

Die globalen Gutmenschen ignorieren Millionen, die schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Auf der Südseeinsel Tuvalu – höchste Erhebung vier Meter – werden die ersten Familien abgesiedelt. Der Meeresspiegel steigt. Auf Madagaskar kann man nun auch im Gebirge Malaria bekommen. Dass Moskitos in diese Höhen vordringen, ist neu. Im Norden Kenias kämpfen Nomaden mit ansässigen Bauern um Weideland. Die nötigen Gewehre besorgen sie sich aus den waffenstarrenden Nachbarländern. Die Richtung, aus der die Wirbelstürme kommen, war auf den Bahamas bisher vorhersehbar. Inzwischen treffen sie die Insel von allen Seiten ...

Achtzig Rotkreuz-Delegierte aus aller Welt hatten kürzlich auf einer Klima-Konferenz in Den Haag hunderte solcher Beobachtungen zu vermelden. Hinter ihnen steckt mehr als subjektive Wahrnehmung. Denn die Observationen bestätigen den 4. Bericht des UN-Klimarates (zu den Thema Folgen des Klimawandels, Schadensanfälligkeit und nötige Maßnahmen der Anpassung).

Die am heftigsten betroffenen Länder sind jene, die sich auch am schlechtesten wehren können, weil endemische Armut Schutzmaßnahmen vor den Folgen der Erderwärmung verhindert. Eine Gemeinsamkeit, die diesen Staaten bleiben wird. Denn häufigere und heftigere klimabedingte Katastrophen aus Wind und Wasser werden den Menschen auch künftig immer wieder aufs Neue die Lebensgrundlagen wegspülen und so die Armutsspirale weiterdrehen.

Das hat unter anderem mit den Initiativen der Al Gores und Kevin Walls dieser Welt zu tun, deren Konzertreihe „Live Earth“ am Wochenende über die Bühnen aller Kontinente gegangen ist. Immer gerne bereit, sich für die Hungernden und Armen dieser Welt zu exponieren – am liebsten vor einem TV-Millionenpublikum – agieren sie doch so, als wäre der UN-Klimabericht nie erschienen. Während sie für die Durchführung von mehr Schwimmkursen schon im Kindergarten plädieren, überlassen sie die vor ihren Augen gerade Ertrinkenden ihrem Schicksal. Sie werden in ihren Sonntagspredigten nicht einmal erwähnt, stattdessen ist darin stets von „zukünftigen Generationen“ die Rede.

Zwar ist die Reduktion von Treibhaus-Gasen natürlich notwendig. Nur ist leider außerdem klar: Auch die günstigsten Projektionen des UN-Klimarates – die nicht erreichbar sind, wie spätestens seit dem jüngsten Treffen der G8 offensichtlich – besagen, dass ein bestimmtes Maß an Erwärmung der Atmosphäre nicht mehr aufzuhalten ist. Für die kommenden dreißig Jahre gibt es daher nur eine Option: Treibhausgas-Reduktion und Adaptionsmaßnahmen in den ärmsten Ländern müssen gleichzeitig stattfinden.


Der Norden will sein Hemd retten

Dass diese offensichtliche Tatsache aus der Klimaschutz-Debatte völlig ausgeblendet wird, erfüllt die Kolleginnen und Kollegen aus den am wenigsten entwickelten Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und den malerischen Südsee- und Karibik-Inseln mit Ratlosigkeit und Unverständnis. Aber auch mit einem Verdacht: Der Norden will wieder einmal nur sein eigenes Hemd retten. Spätestens seit dem im vergangenen Oktober erschienenen Stern-Report über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels ist klar, dass die Reduktion von Treibhausgasen mittelfristig billiger kommt als so weiterzumachen wie bisher und erst die Folgen zu bekämpfen. Das nützt den Volkswirtschaften in den entwickelten Ländern, und gegen die auch in Europa zu erwartenden Folgen wie häufigere Überflutungen und Hitzewellen kann sich der ökonomisch potente Kontinent schützen.

Die Klimaschutz-Allianz, die „Live Earth“ veranstaltet, trägt den Namen „Save Our Selves“ also nicht zu unrecht: Es geht um uns selbst in den entwickelten Ländern des Nordens – und nur um uns selbst. Aber nur, wenn sich dieses Meinungsklima wandelt, gäbe es im Süden zur Abwechslung vielleicht auch einmal einige Gewinner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2007)