Theater Reichenau: Humor, Salon-Ton, Burg-Pathos

Möchtegern-Poetin & Baron: Margarethe (Regina Fritsch), Klemens (Michael Dangl) - Schnitzler, traditionell, ordentlich, teilweise hoch amüsant.
Möchtegern-Poetin & Baron: Margarethe (Regina Fritsch), Klemens (Michael Dangl) - Schnitzler, traditionell, ordentlich, teilweise hoch amüsant.(c) AP (Robert Jaeger)
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Schnitzlers "Komödie der Worte" war heuer die letzte Premiere.

Liebe und Durchfall lassen sich nicht verbergen. Derlei kernige Sprüche hängen in Wirtshäusern des alpinen Raums. Schriftsteller Felix Staufner und seine Frau Agnes urlauben dort, aber nicht gemeinsam, er im Stubaital, sie am Attersee. Staufner arbeitet an einem neuen Werk und bearbeitet eine junge Dame. Agnes wird vom Regatta fahrenden Chemiker und Chemiefabrik-Erben Guido gekapert. Diesem schwant Übles, was die Dauerhaftigkeit seiner Eroberung betrifft: „Man vertraut einer Frau nicht, die man liebt. Ich werde dir niemals vertrauen.“ Dazu kommt es nicht, denn Felix führt mit genialer Rhetorik seine Angetraute zurück in seine Arme.

Schnitzlers „Bacchusfest“ bildet den sommerfrischen Mittelteil des Drei-Akter-Zyklus „Komödie der Worte“, der Montag im Theater Reichenau den Festspiel-Premierenreigen abschloss. Vom Ehefanal „Stunde des Erkennens“ führt der zeitweise halsbrecherische Liebespfad über die Sommertändelei mit Beinahe-Duell-Folgen zur jungen Dichterin, die dem Bohème-Leben Adieu sagen und in den Ehehafen einlaufen will, was ein Schlüsselroman beinahe verhindert („Literatur“). Schnitzler, Erotomane und Frauenverzehrer, litt wie viele Verführer (Wie der Schelm ist, so denkt er) unter pathologischer Eifersucht. Die Stücke sind aber auch eine Breitseite gegen die Poetenzunft: lauter Dilettanten und Angeber.

„Dein ist mein ganzes Herz“ (Lehár) durchzieht als Grundmelodie die Aufführung; im ersten Teil dröhnt der Ohrwurm, im zweiten hüpft er jazzig, im dritten klingt er flüchtig an. Michael Gampe hat inszeniert. Regina Fritsch, Nicholas Ofczarek und Michael Dangl spielen sämtliche Rollen.

Ofczarek brilliert als Fiesling

In „Stunde des Erkennens“ wird Gerichtstag gehalten. Wer hält? Der Ehemann, den die Frau vor zehn Jahren betrogen hat, er tat so, als bemerkte er es nicht. Darum rächt er sich nun umso fürchterlicher. Außerdem verdächtigt er den Falschen, den todgeweihten Hausfreund Ormin, der sich zu einer Reise verabschiedet, von der er nicht zurückkehren wird. Die melancholisch-eisige Stimmung ist ausgezeichnet getroffen.

Sobald das Dienstmädchen (artig: Katrine Eichberger) aus dem Haus geschickt worden ist, beginnen sich die Eheleute anzubrüllen, und da wird es nun doch allzu burgtheaterpathetisch mit Hand an der Stirn (sie) und Hin- und Hergerenne (er). Natürlich geht es in Ehen so zu, aber das hier wirkt zu gewaltsam aufgepumpt. Salon-Ton birgt im „Bacchus“-Fest glühenden Zorn, die heiß umworbene Dame (Fritsch) könnte jünger sein. Eine Vierzigerin ist wohl kaum so naiv, dass sie vollständig erst auf den einen, dann auf den anderen hereinfällt. Die Konversation läuft tadellos, plätschert gelegentlich, ist aber auch höchst amüsant.

Abgestürzt in hysterische Künstlichkeit: „Literatur“, der Humor: Zu dick aufgetragen. Diesen Schauspielern sieht man aber allemal gern zu. Vor allem Ofczarek, Darling der „Nestroy“-Juroren, brilliert als Fiesling: Was für ein Ekel von Ehemann! („Stunde des Erkennens“.) Was für ein schlauer Hund, dieser Dichter, der selbst in Redepausen den Nebenbuhler mit Gesten und Blicken distanziert! („Bacchus-Fest“.) Und was für ein eitler, opportunistischer Geck dieser Bohème-Poet! („Literatur“.) Michael Dangl zeigt feine Charakterisierungskunst für die verschiedenen Gentlemen des Fin de Siècle. Fritsch weckt vor allem Mitgefühl als misshandelte Ehefrau. „An Freunde, die noch nicht geboren sind“ richtete Schnitzler seine Einakter. Die „Freunde“ im Reichenauer Publikum haben wohl manches, was hier verhandelt wird, schon am eigenen Leibe erfahren. Sie lachten und litten mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2007)

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