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Kritik Pop: Man geht, bevor es hell wird

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Die "Arctic Monkeys" in der Wiener Arena: Schroffe Reportagen aus dem nächtlichen Nordengland.

Vorfreude am Nachmittag; Lärm, Enttäuschung und Rausch am Abend; Kopfweh in der Früh: Diese Dramaturgie beherrscht die meisten der Songs, die Alex Turner, 21, Poloshirt-Träger, Kopf der Arctic Monkeys, schreibt, vorzugsweise um drei Uhr p.m., „Herz ausschütten“ nennt er das im programmatischen „A View From the Afternoon“, mit der vor der eigenen Sentimentalität leicht angewiderten Selbstironie, die dem frühen Twen so gut zu Gesicht steht.

Die ist ja noch nichts Außergewöhnliches in Pop-Britannien, aber wie verächtlich dieser Unscheinbare (dem wohl schon so mancher Türsteher mit dem despektierlichen Wort „Ausweiskontrolle“ den Abend und die Nacht verdorben hat) sein Herz ausspuckt! Wie er mit seinem an sich schon ungemütlich klingenden northern accent die Silben schluckt, in Zeilen presst, karge Pointen nachschiebt, scheinbar beiseitespricht, bis man plötzlich merkt: Die sind ja schon beim Refrain, und der läuft der Strophe genauso davon wie umgekehrt...

Wie überhaupt Rastlosigkeit regiert, weg hier!, überall anderswo muss es besser sein als zwischen diesen Old Yellow Bricks, auch Bass und Schlagzeug hetzen einander (ein wenig wie einst im US-Hardcore à la NoMeansNo oder Fugazi): jeder Song ein überstürzter Aufbruch, oft noch zerrissen durch scheinbare Stationen: Stop and go!

Was zu sagen war, war gesagt

Längerfristige Dramaturgie oder gar das, was saturierte Rock-Alte „Show“ nennen, ist da unmöglich: Davon war in der Arena auch nichts zu bemerken, und das war gut so, bis zum jähen Schluss, dem keine Zugabe folgte, denn was zu sagen war, war gesagt. Punkt. Man geht, bevor es hell wird.

„Let's leave before the lights come on“, hieß es in einem weiteren programmatischen Song: Wir wollen nicht sehen, was wir angestellt haben, am Morgen ist es immer schwer, wann geht der Nachtbus? Natürlich hat solcher Realismus, haben solche Direktreportagen aus dem teenage wasteland eine große Tradition im Brit-Pop. Nur so unprätentiös wie bei den Arctic Monkeys sind sie selten: Auf Slogans verzichtet diese Band fast völlig, kein „entertain us“, kein „talkin' 'bout“, kein „I can't get no“ und ganz sicher kein „wir“, das macht ihre Songs so schroff, als hätten sie panische Angst davor, sich anzubiedern. Eher verwendet Alex Turner Bilder und Wörter, die man wohl nur begreift, wenn man mit ihm in Sheffield aufgewachsen ist in diesen verdammten Neunzigern.

Was heißt z.B. „Teddy Picker“ im gleichnamigen Song? Man kann darauf spielen, „another variation on a theme“, immerhin das erfährt man, und zwar schnell, aber das versteht sich ja bei dieser großen kleinen Band. Die uns an diesem schnellen Abend auch lehrte: Das Klischee, dass massenwirksamer Pop immer glatter und gefälliger wird, ist ein Unsinn. Zu den Arctic Monkeys kamen 3000, und es wären mehr gekommen. Man sieht sich im Stadion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2007)


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