Chronologie: Aufstieg und Fall der Bawag

Von der Arbeiterbank zur Tochter eines US-Fonds. Wie die Gewerkschaftsbank in der Karibik verspekuliert wurde.

Wien. Im Jahr 2000 landete die Bawag ihren größten Coup: Für 17,6 Mrd. Schilling (knapp 1,3 Mrd. Euro) kaufte die Gewerkschaftsbank der ÖIAG die Postsparkasse ab. Ein sichtlich stolzer Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner unterschrieb vor laufender Kamera den Kaufvertrag. Was damals niemand wusste: Die Gewerkschaftsbank hatte zu diesem Zeitpunkt bereits hunderte Millionen in der Karibik verspekuliert. Die Bawag braucht die Postsparkasse, die üppig mit Eigenkapital ausgestattet war, wie den sprichwörtlichen Bissen Brot.

Die Arbeiterbank war 1922 entstanden und 1934 im Ständestaat zwangsweise liquidiert worden. Nach dem Krieg gründete der ÖGB die Bank neu, seit 1963 hieß sie „Bank für Arbeit und Wirtschaft“. Die Bawag galt immer als Bank des kleinen Mannes. Ihr Dilemma: Sie sollte einerseits dem breiten Publikum möglichst günstige Spar- und Kreditzinsen bieten, andererseits verlangte ihr Aktionär ÖGB möglichst hohe Dividenden. Diesen Spagat wollte man mit Hilfe der Karibikgeschäfte – hoch spekulativer Finanztransaktionen – schaffen. Begonnen wurde damit bereits Anfang der 90er-Jahre, gelaufen sind die Deals über Wolfgang Flöttl, Sohn des Langzeit-Bawag-Chefs Walter Flöttl.

Bereits 1998 hatte Flöttl jun. für die Bawag hohe Beträge verspekuliert. Im Herbst 2000 setzte er im Auftrag der Bank nochmals mehrere hundert Mio. Euro in den (Karibik-)Sand. Die Bawag war de facto bankrott. Gerettet wurde sie nur durch eine Milliarden-Garantie des ÖGB, die der damalige Gewerkschaftsboss Fritz Verzetnitsch in Eigenregie unterschrieb. Die Öffentlichkeit, aber auch die meisten Mitglieder des Bawag-Aufsichtsrates, bekamen von all dem nichts mit.

Mitte Oktober 2005 platzte in der Bawag die erste Bombe. Die Bankführung gewährte an einem Sonntag dem Boss des US-Brokerhauses Refco, Philip Bennett, einen Kredit in Höhe von 425 Mio. Euro. Die Bawag war Jahre zuvor an Refco beteiligt gewesen, später aber wieder ausgestiegen. Offenbar hatte Bennett der Bawag beim Verschleiern ihrer Karibik-Verluste geholfen und übte nun Druck auf Bankführung aus, weil er selbst dringend Geld brauchte. Nur wenige Stunden nach Überweisung der Bawag-Millionen war Refco pleite.

Johann Zwettler, zu diesem Zeitpunkt Chef der Gewerkschaftsbank, musste als Folge der Refco-Affäre seinen Hut nehmen. Ewald Nowotny trat am 1. Jänner 2006 sein Amt als neuer Bawag-Chef an. Mitte März flogen die enormen Karibik-Verluste der Bawag auf. Danach überschlugen sich die Ereignisse in der Bank und im ÖGB. Verzetnitsch musste zurücktreten, der Gewerkschaftsbund, für den die Beinahe-Pleite seiner Bank wirtschaftlich und politisch existenzbedrohend war, beschloss, die Bawag zu verkaufen.

Kunden liefen scharenweise davon

Der Bawag liefen die verängstigten Kunden scharenweise davon, vor allem, als in den USA Refco-Gläubiger eine Milliardenklage gegen die Bank einbrachten und ihr gesamtes Vermögen in den USA eingefroren wurde. Am 1. Mai 2006 wurde von Politik, Nationalbank, Banken und Versicherungen ein Hilfspaket geschnürt, um die Bawag zu retten. Vom Bund kam eine Garantie in Höhe von 900 Mio. Euro, von den anderen Finanzinstituten eine Kapitalspritze. Anfang Juni konnte sich die Bawag mit den Refco-Gläubiger auf einen Vergleich einigen, der insgesamt rund eine Mrd. Euro kostete.

Im Herbst ging dann die US-Investmentbank Morgan Stanley auf Käufersuche für die Bawag. Vier Interessenten kamen in die Endrunde, darunter die Bayerische Landesbank, die beiden US-Fonds Lone Star und Cerberus sowie die Allianz, die allerdings anonym bleiben wollte. Am 14. Dezember entschied sich der ÖGB für Cerberus. Er kassierte 2,6 Mrd. Euro und war damit schuldenfrei, die Bank bekam von Cerberus zusätzlich 600 Mio. Euro frisches Geld.

Im April 2007 machte die Bawag nochmals Schlagzeilen, als sie – vermutlich auf Druck der Amerikaner – kubanischen Kunden die Konten aufkündigte. Mittlerweile sind Kubaner in der Bawag wieder willkommen. Mitte Mai 2007 ging die ehemalige Gewerkschaftsbank dann endgültig ins Eigentüm der Amerikaner über. Im Herbst, nach dem Ende des Prozesses, will die Bank endgültig neu durchstarten.

ELSNERS SCHWERES ERBE

Die Bawag war als Folge von Spekulationsgeschäften Ende 2000 de facto pleite. Die Verluste, die der damalige Bank-General Helmut Elsner zu verantworten hat, wurden mittels einer ÖGB-Garantie vertuscht. Dafür wurde auch der legendäre Streikfonds des ÖGB verpfändet.

Der ÖGB musste die Bank verkaufen. Neuer Eigentümer ist der US-Fonds Cerberus, der insgesamt 3,2 Mrd. Euro zahlte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2007)


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