Uraufführung von Vincent Dunoyers sehr persönlichem Solo "Sister".
Kann man mit den Augen tanzen? Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker kann nicht nur das. Sie kann das Publikum mit ihren intensiven Blicken leiten, verunsichern, erheitern, sie steht an der Rampe und spricht Bände. Vincent Dunoyer, der einst in Keersmaekers Kompanie „Rosas“ getanzt hat, weiß um diese Fähigkeit, hat sie, gemeinsam mit Bewegungsmustern aus Arbeiten Keersmaekers aus der Erinnerung der „Rosas“-Tänzerin Fumiyo Ikeda geholt, hat diese Teile „Rosas“-Tänzern überantwortet, die sie miteinander verknüpften. So ist die Hommage „Sister“ entstanden, die am Samstag uraufgeführt wurde.
„Sister“ ist ein sehr persönliches, intimes Solo, eine Retrospektive der Posen und Szenarien, die Keersmaeker geschaffen hat. Dunoyer richtet den Blick ins Innerste ihrer Choreografien, auf Gefühle, kleinste Bewegungen von Fuß- und Fingerspitzen – und Keersmaeker lässt ihn nicht nur gewähren. Nachdem Dunoyer das Ergebnis seiner Forschung in einem Solo interpretiert hat, kommt sie selbst auf die Bühne, beginnt zu tanzen, öffnet sich dem, was sie einst erdacht und ertanzt hat, dreht sich scheinbar selbstvergessen, probiert Vergangenes mit und ohne ihre blauen Stöckelschuhe aus, tut einmal sogar so, als hätte sie die Schrittfolge vergessen und müsste Dunoyer, der am Bühnenrand sitzt, ihr weiterhelfen.
In der Stille hört man den Atem
Dadurch, dass Keersmaeker dies zulässt, öffnet sie sich weit, wie die Bühne hinter ihr, die fast nackt, mit den schwarz bemalten Wänden und frei gelegten Seilzügen da liegt, als würde sie auf ihren Einsatz warten, der nicht kommt. Diesmal geht es nur um eine, das Zubehör ist bloßes Mittel zum Zweck. Nur eine große Leinwand, auf der man den Tänzern bei der teils amüsanten Erinnerungsarbeit zusehen kann, steht in der Mitte. Am Rand zwei Sessel, rechts hängt eine lange Reihe von Neonröhren, die das Zentrum der Bühne gnadenlos ausleuchten, als wollten sie es einem ermöglichen, durch die Bewegungen, durch die Haut, durch die Augen das Innerste zu erkennen.
Aber Keersmaeker schlägt der Neugier ein Schnippchen und die Augen nieder, ändert den Tonfall ihre Gesten und ist längst über alle Berge. Ein Teil von ihr bleibt immer unergründlich.
Eine knappe Stunde dauert das Projekt, kurz genug, um das weitgehende Fehlen der sonst von Keersmaeker so stimmig eingesetzten Musik verschmerzbar zu machen. In der Stille tritt ein anderes, wesentliches Stilmittel deutlicher hervor: der Atem. Er dient nicht nur der Versorgung mit Sauerstoff, sondern interpretiert Situationen und Gesten, macht den Tänzer zum lautlosen Sänger, ist – wie die Wiederholungen zeigen – nicht Zufall, sondern Prinzip. Vor allem an diesem leisen, aber intensiven Abend.
Noch am 16. 7., 21 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2007)