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Rosneft: Dubiose Geschäfte mit Erdöl

(c) EPA
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Intransparenz. Russische Konzerne machen oft mit Strohfirmen Geschäfte. Ein Sittenbild.

MOSKAU. „Trinkt man in der Regierung bereits am Morgen Cognac?“, fragte die Moskauer Wirtschaftszeitschrift Smart Money. Eine eindeutige Antwort wollte das Wirtschaftsblatt nicht geben. Schließlich hat jeder nüchtern denkende Mensch Schwierigkeiten, das Gebaren zweier mächtiger russischer Staatsunternehmen bei Milliardengeschäften nachzuvollziehen. Die Praktiken werfen ein Schlaglicht auf die Art und Weise, welche Vorstellung der Kreml von Transparenz in der Wirtschaft hat.

Russlands größte Ölgesellschaft Rosneft, an der der Staat die Aktienmehrheit hält, die aber seit einem Jahr an den Börsen in London und Moskau notiert ist, verkündete vergangene Woche, 50 Prozent ihrer Fördertochter Tomskneft an die staatliche Vneshekonombank verkauft zu haben. Die Summe von 3,4 Mrd. Dollar (2,46 Mrd. Euro) überraschte die Analysten. „Rosneft hat wirklich ein gutes Geschäft gemacht“, kommentierte Steven Dashevsky vom Moskauer Brokerhauses Aton. Bei Rosneft, das an der Börse 92 Mrd. Dollar wert ist, wird bestätigt, dass das Geld eingegangen ist und die Aktien bereits überschrieben wurden.


Haben Chinesen gekauft?

Das Problem: Die Vneshekonombank bestreitet, die Milliarden bezahlt zu haben und neuer Eigentümer der Tomskneft-Aktien zu sein. Der Aufsichtsrat der Bank, so Finanzminister Alexej Kudrin, habe sich nie mit dem Erwerb von Tomskneft befasst. Und Investitionen in dieser Größenordnung dürften ohne das Plazet des Gremiums nicht getätigt werden.

Wer hat nun Recht? Die Vneshekonombank, die bislang vor allem für die Begleichung der russischen Auslandsschulden zuständig war, ist eines der undurchsichtigsten Finanzinstitute in Russland. Sie untersteht nicht der Aufsicht der Zentralbank, sondern direkt der Regierung. Von sechs der neun Aufsichtsratsmitglieder gibt es keine öffentlich zugänglichen Biografien. Geheimdienstmitarbeiter haben bei der Bank, die per Jahresbeginn eine Bilanzsumme von 85 Mrd. Euro hatte, das Sagen.

Es könnte sein, vermutet Smart Money, dass die Vneshekonombank als Scheinkäufer aufgetreten ist – für Chinesen, die sich schon lange in Russlands Erdölindustrie einkaufen wollen, oder für Gazprom, das auch Interesse an Tomskneft angemeldet hat. Klarheit darüber gibt es bislang nicht.

Auch Rosneft ist kein Hort für nachvollziehbares Finanzgebaren. Weltweit bekannt wurde Rosneft, als es Anfang 2005 das Herzstück des Yukos-Konzerns, die westsibirische Ölfördertochter Yuganskneftegaz, weit unter Wert übernahm. Das Geschäft hatte einen sonderbaren Beigeschmack: Das Unternehmen wurde auf einer Auktion zuerst von der Strohfirma „Baikal Finance Group“, die ihren Sitz in einer Wodkakneipe namens „Cafe London“ in der Provinzstadt Twer registriert hatte, ersteigert und dann an Rosneft abgetreten.


Angekratztes Image

Seitdem sucht Rosneft, sein Image zu verbessern. So ist im Konzern mit seinen 130.000 Mitarbeitern viel von „Corporate Governance“ Rede. Im Aufsichtsrat sind drei der neun Mitglieder unabhängige Kandidaten – etwa der Schweizer Banker Hans-Jörg Rudloff, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Barclays Capital, oder Peter O'Brien, früher bei Morgan Stanley.

Viel scheint das nicht zu bringen. Geschäftspraktiken wie dereinst bei der Baikal Finance Group sind bis heute bei Rosneft verbreitet. Darauf deutet der Fall Tomskneft hin, aber auch ein anderer rätselhafter Miliardendeal. Eine unbekannte Firma namens Prana ersteigerte das Yukos-Hauptquartier und einige Ölhändlerfirmen für vier Mrd. Dollar. Kurz danach trat Prana die Aktiva für 3,4 Mrd. Dollar an Rosneft ab. Warum Prana bereit war, einen Verlust von 600 Mio. Dollar zu tragen und wer hinter dieser Strohfirma steht, ist eines der am meisten diskutierten Themen unter Russlands Börsenhändlern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2007)