Sarkozy, Merkel und Brown suchen einander zwecks gemeinsamen Erfolgs. Doch wie lange geht das gut?
Was ist eine gute Personalpolitik? Sie setzen vor Energie strotzende Personen mit ausreichender Erfahrung in Schlüsselpositionen. Sie geben ihnen ein wenig Spielraum und Macht, um sich zu entfalten. Und Sie zwingen sie zu Teamgeist. Sonst würde sich nämlich deren Energie in Intrigen und destruktiver Konkurrenz statt in konstruktivem Miteinander freisetzen. Das Zauberwort, mit dem sich dies alles verwirklichen lässt, ist „Respekt“.
In der Politik läuft dies nicht anders ab. Wenn Europas neues Führungsteam nicht funktioniert, leiden alle darunter. Wenn sie nicht den notwendigen gegenseitigen Respekt aufbringen, werden sie die gemeinsame Sache nicht voran treiben. Ob Nicolas Sarkozy in Frankreich, Gordon Brown in Großbritannien oder Angela Merkel in Deutschland: Sie alle können letztlich nicht allein mit ihrem innenpolitischen Schrebergarten gewinnen. Sie brauchen einander. Allerdings sind die drei wichtigsten Führungspersönlichkeiten der EU so verschieden, dass wohl noch niemand endgültig sagen kann, ob ihre Partnerschaft wirklich funktioniert.
Erste Anzeichen lassen hoffen: Denn der ehrgeizige neue Präsident in Paris hat sich bei all seinen Differenzen mit Berlin – sei es beim EU-Reformvertrag oder bei der Zukunft des Flugzeugherstellers EADS – bisher pragmatisch und konstruktiv gezeigt. Gordon Brown, der sich in den vergangenen Jahren nicht gerade als großer Europäer profiliert hat, kündigt plötzlich seinen Kooperationswillen in der EU an. Und Angela Merkel: Sie fungiert geschickt als europäische Mediatorin und schafft es dabei auch noch, nationale Anliegen einzubringen.
Der Pragmatismus ist derzeit der große Pluspunkt in Paris, London und Berlin. Es geht allen dreien um das Durchsetzen von Interessen – doch immer mit dem notwendigen Respekt und auch der Distanz zu den Partnern. Vorbei sind Zeiten, in denen politische Männerfreundschaften mit all ihren Untiefen zelebriert wurden wie einst bei Jacques Chirac und Gerhard Schröder.
Dieses unsägliche Team hat die politische und wirtschaftliche Reform Europas behindert. Sie haben gemauschelt und gepackelt ohne Rücksicht darauf, vor welchen Problemen die gesamte Europäische Union stand. Die beiden trafen sich demonstrativ vor den EU-Gipfeln und desavouierten den Rest mit ihren Vorentscheidungen. Sie nutzten ihre gemeinsame Macht, um die notwendige Agrarreform zu behindern oder um unliebsame EU-Regeln wie jene zu gefährlichen Chemikalien auszuhöhlen. Die EU wurde überall dort geschwächt, wo sie den Interessen der beiden im Weg stand.
Chirac und Schröder haben es auch zu verantworten, dass keine gemeinsame Linie mit Großbritannien zustande kam. Denn Tony Blair wäre lange dazu bereit gewesen. Es war nicht nur der Interessenskonflikt im Irak-Krieg, sondern auch die unsensible Machtpolitik der beiden, die eine Kooperation verhinderte. So beschreibt Alastair Campbell, einst mächtiger Berater des britischen Premiers, in seinen jüngst erschienen Erinnerungen, wie negativ Blair auf das erstes Treffen mit Gerhard Schröder reagierte. Es mache keinen Spaß, „wenn ein Deutscher einem die Eier quetscht, der von einem Franzosen dazu angestiftet wurde“, soll der Premier wutschnaubend berichtet haben.
Die Nachfolger von Chirac, Blair und Schröder mögen derzeit noch emotionsloser und fairer miteinander umgehen. Doch wird das so bleiben? Jeder von ihnen – und Sarkozy ganz besonders – ist ein Alphawolf, dem es nicht nur um Sachpolitik geht, sondern auch darum, Machtspiele zu gewinnen und die Herde zu führen. Sarkozy will beispielsweise eine andere Wirtschaftspolitik als seine Partner. Gordon Brown hat zwar erkannt, dass er auf Distanz zu den USA gehen muss, um auf der Insel die Wahlen zu gewinnen. Aber ob ihm diese Erkenntnis gleich den Blick über den Kanal öffnet, ist fraglich. Und Angela Merkel ist zwar erfrischend geradlinig, doch gerade deshalb bei ihren ureigenen Anliegen wie der Stabilität des Euro auch gänzlich kompromisslos.
Ob Unternehmen oder Politik: Zu Beginn funktioniert fast jedes neue Team gut. Denn jeder bemüht sich, die Position des anderen in seine Taktik einfließen zu lassen. Das geht aber nur so lange gut, solange jeder auch einmal bereit ist, über seinen eigenen Schatten zu springen. Solange es Erfolge gibt, die auch gemeinsam verteilt werden können. Und solange sich niemand bei dieser Verteilung übervorteilt fühlt. Das neue Dreiergespann ist mit seiner Dynamik eine riesige Chance für die EU, solange es den gegenseitigen Respekt wahrt.
Die Dynamik der drei Seite 1
wolfgang.boehm@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2007)