Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Hermine Granger nicht sterben darf.
Letztens hat mich die ansonsten recht brave Tageszeitung „Kurier“ enttäuscht. In großer Aufmachung war da von einem unlösbaren Maturabeispiel die Rede: Eine trigonometrische Aufgabe soll es gewesen sein, mit einer „falschen Winkelangabe“, die „selbst die besten Rechner scheitern ließ“.
Mehr als eine Seite war dem Fall gewidmet, nur eines fehlte: das Beispiel. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn die Crème der Nation – in diesem Fall hätten gewiss auch treueste „Presse“-Leser selbstvergessen zum „Kurier“ gegriffen! – in trigonometrischen Furor verfallen wäre, wenn die Sinüsse und Cosinüsse die Lufthoheit über den Kaffeehaustischen erobert hätten (dort und überall sind sie mir lieber als jeder Abfangjäger), wenn in den U-Bahnen die Fahrgäste einander erregt Formeln zugeflüstert hätten! Wir wären alle, alle in Würde gescheitert – und hätten begriffen, was im Gymnasium zu kurz kommt: Längst nicht jede mathematische Aufgabe hat eine Lösung. Es ist business as usual, dass die Lösungsmenge einer Gleichung die leere Menge () ist.
Im Mathematikunterricht sollte der Satz „Ein solches Dreieck gibt es nicht“ geradezu provoziert werden – und die spannende Frage wecken: Gibt es vielleicht Geometrien, in denen es ein solches Dreieck sehr wohl gibt? Das könnte in weiterer Folge auch die österreichische Literatur befruchten: Gewiss findet sich ein erregbarer Geist, den die Erwägung nicht-euklidischer Geometrien so verstört wie einst den Robert Musil (resp. dessen Zögling Törleß) die Einführung der imaginären Einheit.
Leider aber wurde, wie gesagt, die Lösbarkeit mathematischer Probleme im urbanen Untergrund in den letzten Tagen nicht häufiger erörtert als sonst. Dass wenigstens eineinhalb dekorative Formeln das Auge erfreuten, dafür sorgte die U-Bahn-Zeitung „Heute“, die den erwähnten Fall illustrierte, allerdings nicht mit Trigonometrie, sondern mit Integralen, sicher, weil diese so schmuck aussehen, ganz ähnlich wie das Zeichen des Hauses Slytherin, ich schreibe das, um auch diesmal den Harry-Potter-Lesern unter meinen Lesern meine Reverenz zu erweisen.
Mathematik wird ja kaum betrieben in Hogwarts, das muss man Joanne K.Rowling vorwerfen. Wäre es zwei Tage vor Erscheinen von „Harry Potter and the Deathly Hallows“ nicht schon zu spät, würde ich ihr zurufen: Stop print! Stricken Sie noch die eine oder andere Division durch null in die Handlung! Lassen Sie Rettung aus dem Süden der Gaußschen Zahlenebene nahen! Und, wenn wir schon beim Bitten sind, darf ich mich wiederholen: Lassen Sie Hermine Granger am Leben!
Zu spät. Die Bitte nützt nichts mehr. Oder muss sie gar nichts nützen? Hat Hermine den siebten Harry-Potter-Band ohnehin schon überlebt?
Seltsam, sehr seltsam, wenn (fiktive) Schicksale, die bereits feststehen (nämlich in mächtigen Buchstaben), uns noch verborgen sind – wie Sterne, die längst in Supernovas verglüht sind, aber in unseren Augen noch leuchten, weil ihr Licht so lange zu uns braucht. Gut, die Sperrfrist eines Buchverlags kann man leichter brechen als das Gebot, dass Information nicht schneller reisen darf als das Licht. (Dafür ist ihre Einhaltung leichter bei irdischen Gerichten einklagbar.) Aber auch sie trennt Gegenwarten voneinander.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2007)