Salzburger Festspiele. Intendant Jürgen Flimm über Verrückte, Intrigen, Schönheit.
Die Presse: Der Sänger Neil Shicoff hat sein Engagement in Salzburg kurzfristig abgesagt, er sei nach den Intrigen um die Staatsopern-direktion in Wien nicht in der Verfassung, hieß es. Ähnliche Fälle hat es zuletzt mehrere gegeben. Wird es denn härter für Künstler?
Jürgen Flimm: In Wien war das doch immer so. Direktor Ioan Holender ist regelrecht ein Held, dass er so lange durchgehalten und es so klug gemacht hat. Sie wissen doch besser als ich, dass in Wien die Besetzung der Staatsoperndirektion so wichtig behandelt wird wie die des Bundespräsidentenamtes. Manchmal kommt noch die Respektlosigkeit dazu. Die Leute wissen aber gar nicht, wie schwer das ist. Absagen gibt es immer, bei 350 Künstlern ist das normal.
Wurden Sie selbst schon derart verletzt?
Flimm: Nein, so etwas ist mir noch nicht passiert, das hätte mich auch ziemlich umgeschmissen. Die kleinen Niederlagen haben wir alle, aber bei den großen Plänen ist mir das nie passiert. Ich habe mich einmal sehr darum bemüht, Direktor des Thalia-Theaters in Hamburg zu werden, was mir auch gelang, aber sonst habe ich mich nie nach diesen Positionen hingedrängt. Die Bestellung zum Intendanten in Salzburg war aber auch nicht von schlechten Eltern, als es dann losging. Dann kam der Punkt, dass ich mir sagte, jetzt will ich es aber wissen! Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat dann am Schluss eine sehr gute Rolle gespielt. Er hat es moderiert. Das war sehr anständig.
Was waren die kleinen Niederlagen?
Flimm: Da gibt es viele. Jede Inszenierung birgt in sich auch das Scheitern, nicht nur bei Ihrer Abteilung, sondern auch bei unserer. Die ist viel schlimmer, wenn etwa ein Regisseur mir sagt, er habe das nicht hingekriegt, oder wenn ich es mir eingestehen muss.
Wie war sie denn, die Wiederkehr nach Salzburg als Intendant, wo Sie zuvor schon Theaterdirektor bis 2004 waren? Sind Sie oft hier?
Flimm: Ich war das erste Mal 1987 da, als ich „Der Bauer als Millionär“ inszenierte. Auf dem Sofa aus dieser Produktion sitzen Sie eben. Das ist mein guter Geist, es ist kunstzerschlissen. Nach Inszenierungen bei Gérard Mortier gab es eine Pause. Die Zeit als Schauspieldirektor war sehr schön, trotz Zwists mit Peter Ruzicka wegen des Mozart-Jahres, der längst ausgeräumt ist. Ich bin gerne in Salzburg und habe eine kleine Wohnung hier um die Ecke. Wenn ich nicht hier bin, bereite ich unterwegs Sachen vor, treffe mich mit Künstlern.
Was erwartet das Publikum in Ihrem ersten Intendantenjahr in der Oper?
Flimm: Wir haben bei „Eugen Onegin“ mit Daniel Barenboim, Andrea Breth, Martin Zehetgruber und den Sängern eine sehr gute Besetzung. Barenboim war bei den Proben sehr zufrieden. Ungewöhnlich wird sicherlich der „Cellini“, die Produktion ist glänzend verkauft. Die Leute werden neugierig sein auf Berlioz. (Regisseur) Philipp Stölzl ist ein einfallsreicher Typ, das wird schräg, aber schön. Auch „Der Freischütz“ und „Armida“ werden hochinteressant.
Das Generalthema in Salzburg ist die „Nachtseite der Vernunft“. Was assoziieren Sie damit ein Jahr nach Festlegung auf dieses Thema?
Flimm: 1974 habe ich erstmals das „Fest für Boris“ inszeniert. Das ist so schwarz, ein wahnsinniges Stück von Thomas Bernhard, eines seiner besten.
Dagegen scheint Joseph Haydns „Armida“ geradezu ein Fremdkörper zu sein.
Flimm: Nein, es repräsentiert die Vor-Mozart-Zeit. Mozart setzen wir in diesem Jahr etwas auf Diät, die „Armida“ ist ein enorm intelligentes Stück, das passt ganz gut in unser Thema. Die Kreuzritter ziehen in den Orient, und diese Westler verlieren sich darin. Da kommen sie nicht weiter mit der vernünftigen Erklärbarkeit. Und erst die schönen Frauen! Die sind der Verderb dieser Soldaten.
Ich muss also etwas korrigieren. Im Vorjahr dachte ich, der arme Flimm muss nach dem opulenten Mozart-Jahr eine karge erste Saison bestreiten. Vielleicht wird es gar nicht so karg?
Flimm: Ich kann jetzt völlig neu anfangen, mit Stücken, die es hier gar nie oder zuletzt vor über fünfzig Jahren gab. Der Verkauf ist gut, wir sind zufrieden.
Wann gibt es dann in Salzburg Geldsorgen?
Flimm: Ab 2009. Dann sind sämtliche Reserven aufgebraucht. Wir müssen große Investitionen machen, bis hin zum Dach. Das Haus ist ja ziemlich alt. Da ist jetzt das große Gespräch mit den Geldgebern, das (Präsidentin) Helga (Rabl-Stadler) hervorragend führt, es wird aber schwer werden. Die Festspiele werden zwar schlank geführt, aber seit 1994 gibt es keine Valorisierung der öffentlichen Zuwendungen.
Sie stellen die eigenen Regiearbeiten hintan. Juckt es Sie da nicht ganz arg, wenn die anderen inszenieren?
Flimm: Ziemlich. Ich bin vor kurzem in London gewesen, bei einer „Fidelio“-Inszenierung, die ich vor Jahren in New York gemacht habe. Da habe ich gemerkt, was mir fehlt.
Wie schützen Sie also Ihren Theater-Chef Thomas Oberender vor Ihrer Intervention?
Flimm: Indem ich ihm anbiete, mich jederzeit um Rat zu fragen, ich weiß viel über Schauspiel, die Schauspieler. Und manchmal rufe ich ihn an. Mit diesen altväterlichen Ratschlägen gehe ich aber sehr sparsam um. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich in Hamburg über zehn Jahre junge Regisseure ausgebildet habe. Da habe ich mir antrainiert, ihnen etwas zu erzählen, aber finden mussten sie das Inszenieren selber.
Gute Onkel sind aber oft versteckt autoritär.
Flimm: Nein, das bin ich nicht, überhaupt nicht. Ich bin empfindlich, wenn mich jemand berumsen will, da werde ich schlecht gelaunt, das rieche ich.
Wenn Sie über Ihr Team in Salzburg einen Einakter machen müssten – wer ist dann der Wilde, wer der leicht Verrückte, wer das mäßigende Element?
Flimm: Der leicht Verrückte ist sicherlich (Konzert-Chef) Markus (Hinterhäuser). Der kann schräg denken und reißt Sachen immer wieder neu auf. Helga ist wirklich in der Lage, durch gutes Reden Konflikte zu entschärfen. Sie beruhigt, obwohl sie ganz anders ist. Und das Publikum ist uns das liebste. Das wollen wir begeistern, dass es verändert nach Hause geht.
SALZBURGER FESTSPIELE: Der neue Intendant
Nur zwei Jahre war Jürgen Flimm (66) absent von Salzburg. Im vergangenen Herbst kehrte der frühere Schauspieldirektor der Festspiele als Intendant zurück. Er hat einen Vertrag bis 2011. Heuer leitet der langjährige Direktor des Hamburger Thalia Theaters (1985–2000) zudem noch die Ruhrtriennale. Flimm stehen Markus Hinterhäuser (Konzert) und Thomas Oberender (Drama) zur Seite, die Oper ist Chefsache.
Von 27.Juli bis 31.August bieten die Festspiele in Salzburg 180 Veranstaltungen, für die 220.000 Karten aufliegen. Zudem gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm. Das Budget des Festivals beträgt 49,3 Millionen Euro, nur ein Viertel davon ist von der öffentlichen Hand. Von den 4000 Personen, die engagiert wurden, sind 3100 Künstler.
Theater: Bernhards „Fest für Boris“, „Molière“ (eine von Luk Perceval inszenierte Collage), Müllers „Quartett“, der „Sommernachtstraum“. Im „Jedermann“ gibt es eine neue Buhlschaft, Marie Bäumer. Oper: Haydns „Armida“, Tschaikowskis „Eugen Onegin“, Webers „Freischütz“, Mozarts „Figaro“, „Schauspieldirektor“, „Bastien“, Fabres „Requiem für eine Metamorphose“. Internetadresse: www.salzburgfestival.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2007)