Kritik Impulstanz: Wenn Vögel zum Blutbad tirilieren

Jean-Pierre Stoop
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Alain Platel zeigt Kriegshorror, Vandekeybus eine Retrospektive.

Kunst ist Leben. Und das hat mehr zu bieten als Wiener Schnitzel. Schmerzlich viel mehr. Fumiyo Ikeda, einst bei Anne Teresa De Keersmaekers „Rosas“, und der gnadenlos expressive Schauspieler Benjamin Verdonck brauchen nicht viel, um in der mit Alain Platel entstandenen Performance „Nine Finger“ im Schauspielhaus den Horror des Krieges und das Leid eines Kindersoldaten darzustellen: eine dreckig Matratze (die als Hass- und Lustobjekt herhalten muss, die symbolisch vergewaltigt und aufgeschlitzt wird), eine große Schachtel (als Behausung und Kerker), schwarze Paste für das Gesicht, hinter der sich die gebrochene Persönlichkeit des Jungen versteckt – der Wahnsinn schaut aus den Augen.

Verdonck treibt mit seiner großartigen Darstellungskraft den Zuschauern mit brüllender, dann stiller Verzweiflung die Tränen in die Augen; kein befreites Lachen ist möglich, selbst wenn er als lächerlicher Zwerg unter einer Pelerine durch seine zerstörte Welt trippelt. Auch Ikeda wirft sich mit all der Wucht ihrer Persönlichkeit ins Geschehen, wechselt die Rollen, ist Opfer, Täter, unbeschwertes Kind, Fleisch gewordener Wahn. Und die Vögel? Die zwitschern aus dem Off. Oh wie schön ist Afrika!

Seit 20 Jahren gar nicht zimperlich

Bei Wim Vandekeybus geht's nicht weniger zimperlich zu, emotional aber unterkühlter. Wenn er mit seiner athletischen Kompanie „Ultima Vez“ auftanzt, kann es schnell blaue Flecken geben – und das Publikum muss mitunter den Kopf einziehen. Die starken Bilder, die er im Volkstheaters auferstehen lässt, stammen aus 20 Jahren seines choreografischen Schaffens und verlangen den Tänzern und Tänzerinnen höchste Konzentration und Körperbeherrschung ab.

Die Retrospektive „Spiegel“ ist Anlass zur Verkettung abwechslungsreicher Sequenzen, die den Zuschauer an verschiedenste Orte ziehen. In eine blutrot gefärbte Stierkampfarena (mit einem leise schnaubenden Vandekeybus, der – ist er Torero, ist er Stier? – eine Tänzerin umkreist); in eine Prügelei, bei der jeder den anderen durch Sprünge auf Kopf oder Brustkorb totzutrampeln versucht, was nur dank blitzschneller Reaktionen misslingt; aufs Tanzparkett, wo der Austausch von Flüssigkeiten mit aneinandergepressten Orangenhälften angebahnt wird; in ein Horrorkabinett, wo Leiber an Fleischerhaken von der Decke baumeln. Scherz und Schmerz, bei Vandekeybus nur einen Atemzug voneinander entfernt.

Weitere Vorstellungen: „Spiegel“, 20.7., 21Uhr, Volkstheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2007)

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