Das Triebwerk des Teufels

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Franzobel legt mit "zipf" ein pralles Drama über die Nazi-Zeit vor, Regisseur Georg Schmiedleitner spart bei der Uraufführung am Hausruck nicht mit Effekten.

Freundlicher kann man einen Autor nicht behandeln: Für die Schauspielstars, die mehr als 80 Laiendarsteller und die Musikkapellen gab es im Kohlebrecher bei Wolfsegg am Hausruck in Oberösterreich von den rund 850 Zusehern enthusiastischen, lang anhaltenden Applaus. Als aber Dichter Franzobel am Donnerstag kurz vor Mitternacht nach der Uraufführung von „zipf oder die dunkle Seite des Mondes“ neben Regisseur Georg Schmiedleitner vor das Publikum trat, reagierte es mit stehenden Ovationen, die sogar das herannahende Unwetter übertönten.

Das geschah in gewissem Sinne zu Recht, denn Franzobel, der aus dem Bezirk Vöcklabruck stammt, ist es gelungen, das Volkstheater herzhaft mit Lokalkolorit der Zeitgeschichte zu bereichern, seine Region kulturell zu beleben. Die Aufarbeitung von Zwangsarbeit und Holocaust in Zipf 1943–45 kann an den Erfolg von „hunt“ anschließen, jenem Stück, in dem Franzobel 2005 das Jahr 1934 thematisierte. Und es geht weiter mit opulentem Sommertheater. Der dritte Teil der Historie, „lenz“, ist für 2009 geplant. Wer solch engagiertes Volk zur Verfügung hat, ist geradezu verpflichtet, in ihm die Schauspielleidenschaft zu erhalten.

Mächtiger Industriesaurier

Das Theater Hausruck kann mit einer mächtigen Kulisse reüssieren. Wie ein riesiges Skelett aus der Urzeit steht die Industrieruine im Zentrum der Bühne. Stefan Brandtmayr sparte zudem nicht mit Knalleffekten. Das Drama handelt von Testreihen der V-2-Triebwerke in Zipf, hunderte KZ-Häftlinge kamen beim Bau der Rüstungsfabrik zu Tode. Offenbar wurde ein echtes Flugzeugtriebwerk hoch oben auf dem Betonbau installiert, das im großen Finale meterweit Flammen spuckt. Die Kapelle hielt mit, das Blech hätte jedem Fellini-Film zur Ehre gereicht.

So ein Feuerwerk passte zur Schablone, die Franzobel dem Drama zusätzlich verpasst; es ist mit Zitaten aus dem Faust gespickt, man erlebt also eine Walpurgisnacht, mit einem Dutzend Teufeln und Hexen. Mittendrin entblättern sich drei Dorfschöne und baden in nebelverhangenen Fässern, in denen später ein auf der Flucht gefasster Häftling gesotten wird. Das wäre ausreichend für ein intensives Bild, aber genau diese grausame Szene wirkt in der Inszenierung etwas harmlos, so wie auch die gelegentlichen Liebesakte gestellt und seltsam verfremdet sind. Diese lyrischen Passagen sind auch im Text die schwächsten. Hier hätte man straffen können.

Getragen wird der zweieinhalbstündige Abend von Martin Semmelrogge in der Rolle des teuflischen Lagerkommandanten Adonis Schöpperle, mit runder Metallbrille, Opossumpelz und weißer Marschallsuniform. Er ist ein kleiner Mann mit Übermaß an Ausdrucksform. Schräger kann man einen perversen Nazi kaum darstellen. Semmelrogge mit seiner sonoren Stimme und seiner ulkigen Körpersprache ist das Konglomerat einer Karikatur von Goebbels, Göring und Himmler. Da wird es für die anderen Nazi-Darsteller schwer mitzuhalten. Am ehesten noch kann das Franz Froschauer als SS-Scherge Emmerich, der in einer gespenstischen Szene am Schluss – als die Bomben fallen, als alles in Rauch aufgeht, alles flieht – schreit, er lasse sich sein KZ nicht nehmen. Diese irre Situation bleibt haften, so wie die Szene, in der Zipf aus Schutz vor Luftangriffen schwarz angemalt wird: Ein schwarzes Tuch bedeckt die Front der Ruine, ein Leichentuch.

Der Wahnsinn der Technik

Viel ernster legt in dieser Groteske Alexander Strobele die Rolle des Ortskaisers, des entmachteten und erniedrigten Bierbarons Heinrich Gerstenberg an, der sich in die Raketenbauerin Ilse Oberth (Julia Cencig) verliebt, sie schließlich schwängert. Die Liebesgeschichte wirkt, wie gesagt, entbehrlich, aber umso besser ist Strobele in der Darstellung der Ohnmacht, der Trauer über den Verfall, umso stärker ist Cencig als schrille, dem Wahnsinn nahe Wissenschaftlerin: „Die V2 ist keine Vergeltungswaffe, sondern eine Versöhnungswaffe“, sagt sie, die treue Tochter eines Raketenpioniers. Alles Böse führe zum Guten.

Solche Paradoxa gibt es zuhauf in diesem kräftigen, ausufernden Stück, das zuweilen zu verliebt in Gags ist, einen sehr ernsten Stoff im Kalauer enden lässt. Er hat halt viel hineingepackt in „zipf“, der Franzobel, viel Authentisches, viel Bildung noch dazu. Dabei sind auch sehr viele eindringliche Bilder entstanden, die das Theater Hausruck zum eindrücklichen Erlebnis machen.

HAUSRUCK-DRAMA: „zipf“

Der zweite Teil einer geplanten Trilogie wurde von Georg Schmiedleitner inszeniert, neben den Hauptdarstellern (Martin Semmelrogge, Julia Cencig, Alexander Strobele, Franz Froschauer) spielen achtzig Laien. Bühne: Stefan Brandtmayr.

Kontakt: www.theaterhausruck.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2007)

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