Doppelhochzeit in Hogwarts

Wann kriegen wir endlich einen Nimbus 2000?

Ich habe eine unheimliche Angst, wenn ich den Namen Potter höre. Dabei kann er eigentlich gar nichts dafür. Seit vierzig Jahren verfolgt mich die Szene in meinen Träumen. Schwarze Gestalten treiben sich auf einem Friedhof herum, auf den ich mich mutwillig begeben habe, mit der Taschenlampe in der Hand, trügerisch sicher unter einer Decke versteckt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, die Geschichte muss zu Ende gelesen werden. Wahrscheinlich frisst der Unhold im bereits ausgeschaufelten, nassen Grab die Kinder, denen er in der tiefen Nacht auflauert. Nur durch ein Wunder könnte ich überleben.

Meine Söhne, meine Tochter, alle drei im Volksschulalter, fürchten sich auch vor einer dunklen Figur namens Voldemort. Das Schreckliche an ihm sei, dass man nie wisse, wann er auftauche, sagen sie. Es gebe gute und böse Zauberer, die schlimmsten aber seien die verkleideten. Man hat eine Vorahnung, doch weiß man weder Tag noch Stunde, in der die armen Seelen dem Grauen begegnen.

Da geht es meinen Kindern wie mir mit Muff Potter aus Mark Twains Jugendbuch „Tom Sawyer“. Dieser Trunkenbold ist zwar nicht der Mörder des Arztes auf dem Friedhof, wie Tom beobachtet, sondern der tückische Indianer Joe. Aber unheimlich sind all diese Grabräuber bei Twain. Es braucht einen richtigen Helden wie Tom, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können.

Eschatologische Unsicherheit beherrscht seit Wochen auch unsere Tischgespräche in Meidling: Wer wird im siebten Band der Romanserie „Harry Potter“ sterben? Was geschieht mit den Helden? Wann kriegen wir endlich einen Nimbus 2000? Weil ich gelegentlich mit Büchern zu tun habe, hielten mich meine Kinder eine Zeit lang für einen Hogwarts-Experten. Doch mein Bildungsstand ist bescheiden: Buch eins haben wir bereits absolviert, Teil zwei und drei kennen wir als Hörbücher. Und Johannes, der Ältere, hat sich in der Schule auf den neuesten Stand gebracht. Weil also der Vater versagte, hat mein Sohn eine Theorie der poststabilen Harmonie entwickelt, die nun Common Sense in der Familie ist.

Es wird eine Doppelhochzeit geben! Harry heiratet die bezaubernde Ginny, damit ihr Bruder Ron Hermine heiraten kann. Harry hat Ginny bisher nur aus edlen Motiven missachtet. Ron braucht Hermine. Snape, dieser verkleidete Zauberer, wird sterben. Wie Voldemort.

Alles klar. Deshalb musste ich nicht zur Mitternacht von Freitag auf Samstag in der Buchhandlung meines Vertrauens den neuen Potter erwerben. Wir können uns Zeit lassen, wir haben das Ende ausgerechnet. Fast. Das Schlimme am Bösen sei, dass es immer wieder komme, Buch für Buch, werde ich belehrt. Potter ist unschuldig! Und Indianer Joe weiß, dass ich das weiß. Das beunruhigt mich nach vierzig Jahren immer noch.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2007)

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