Boom im Osten. Die „Blaue Banane“ der wirtschaftlich stärksten europäischen Region weitet sich nach Osten aus. Der große Gewinner der EU-Erweiterung ist Österreich, Verlierer sind Frankreich und die Schweiz.
WIEN. Der Osthandel boomt. Das Wirtschaftswachstum und die steigende Nachfrage in den neuen EU-Mitgliedsländern sind so stark, dass sich auch die traditionell wichtigste Wirtschaftsregion Europas in Richtung Osten ausweitet. Die sogenannte „Blaue Banane“, die bisher von Birmingham über das Ruhrgebiet bis nach Norditalien das Gebiet der ökonomisch bedeutendsten und an Betrieben reichsten Region Europas eingrenzte, hat sich laut Wirtschaftsforschern auf den Westen Tschechiens, den Osten Österreichs und Slowenien ausgeweitet. Die Osterweiterung hat hier die Wirtschaftskonzentration erhöht.
Die geografische Nähe zu den neuen Wachstumsmärkten im Osten war der ökonomische Glücksfaktor Österreichs, ist Wirtschaftsforscher Fritz Breuss überzeugt. Er betont im Gespräch mit der „Presse“ aber auch, dass die heimische Wirtschaft weitaus früher reagiert habe als jene der anderer Länder Westeuropas. „Wir hatten einen Startvorteil, der natürlich auch historische Gründe hat.“
Jene Länder, die nicht in der Nachbarschaft der neuen EU-Länder liegen wie Portugal oder Frankreich, profitieren vom Wachstumspotenzial im Osten kaum. Sie haben sich mit Investitionen und Exporten in Regionen mit weit geringerem Entwicklungspotenzial begnügt. Wegen solcher strategischer Fehler, aber auch wegen unbewältigter Reformen hinken sie derzeit hinterher. Auch die Schweiz, so Breuss, habe den Zug Richtung Osten verpasst.
Exporte explodieren
Der Trend der Wirtschaftszahlen ist beeindruckend: Im ersten Quartal 2007 verkauften die Länder der Eurozone Güter im Wert von 54 Mrd. Euro in die neuen Mitgliedstaaten. Das sind um 20 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Nicht einmal in die USA werden derzeit so viele Güter geliefert (49 Mrd. Euro).
Und die Nachfrage im Osten steigt weiter. An der Spitze des Wachstums aller EU-Staaten stehen heute Estland, Lettland und die Slowakei, gefolgt von Litauen, Bulgarien und Rumänien. Auch Tschechien, Polen und Slowenien befinden sich im Spitzenfeld. Von diesem Boom profitieren vor allem die Nachbarn. Österreich lieferte im vergangenen Jahr laut Auskunft des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) bereits 15 Prozent seiner gesamten Exporte in die neuen EU-Länder Osteuropas. Im Vergleich kam Frankreich auf magere 5,2 Prozent. Deutschland liefert immerhin 10,4 Prozent seiner Waren in die neuen Mitgliedstaaten.
Das „Wall Street Journal“ vergleicht den Boom im Osten Europas bereits mit jenem in Asien. Die alten EU-Länder profitierten auch deshalb mit, weil sich die Währungskurse für Exporte in die neuen Mitgliedsländer gut entwickelt hätten, analysiert das US-Wirtschaftsblatt. Während der Euro im vergangenen Jahr gegenüber dem US-Dollar um rund zehn Prozent zulegte und damit europäische Exporte nach Amerika erschwerte, verlor er gegenüber Ostwährungen wie dem polnischen Zloty oder der tschechischen Krone an Wert. Lieferungen aus den Euro-Ländern in die neuen Mitgliedstaaten wurden dadurch attraktiver.
Ein Indiz für die Verschiebung des wirtschaftlichen Zentrums Europas sind die Veränderungen in der Bauwirtschaft. Während in Portugal, Deutschland oder Schweden die Produktion des Baugewerbes sogar rückläufig ist, wird im Osten so viel gebaut wie nie zuvor. Laut einer neuen Statistik von Eurostat war die Produktion im Baugewerbe im Mai 2007 in Slowenien um 48,7 Prozent höher als ein Jahr zuvor. In Rumänien betrug der Zuwachs 27,6 Prozent, in Polen 16 Prozent. War noch vor einigen Jahren befürchtet worden, billige Baufirmen könnten nach der EU-Erweiterung in den Westen streben, ist nun die Entwicklung gegenläufig. West-Baufirmen versuchen am Bauboom im Osten mitzunaschen.
Problem der Verteilung
Wirtschaftsforscher Fritz Breuss verweist darauf, dass die hohen Wachstumsraten im Osten auch die Beschäftigung in Österreich deutlich angekurbelt hätten. Allerdings habe sich der makroökonomische Erfolg nicht in gleichem Maße auf die Lohnquote niedergeschlagen. Die Verteilung der Einkommen sei der prekäre Punkt an der sonst so positiven Entwicklung. Vom Boom profitiert hauptsächlich eine kleine Minderheit – die dafür überproportional.
Negativ wirkt sich die Ausweitung der wirtschaftlichen Kernzone auch auf die Umwelt aus. Denn nun verbreitert sich auch die Region mit dem stärksten Verkehrsaufkommen. Laut Zahlen des Autobahnbetreibers Asfinag stieg in nur einem Jahr (Zahlen: Jänner, Februar) der Lkw-Verkehr in der Region Wien um satte 37 Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)