Interview. Thomas Oberender, der neue Theaterchef der Festspiele, über Herren und Knechte, Bernhards Raffinesse und den modernen Umgang mit Klassikern.
Die Diplom- und Doktorarbeit in Theaterwissenschaften hat er an der Humboldt-Universität in Berlin über Botho Strauß geschrieben. „Seine Stücke fielen mir in die Hände, als die Mauer fiel“, sagt der aus Jena stammende Thomas Oberender, der seit dieser Saison bei den Salzburger Festspielen für das Schauspiel zuständig ist. „Die ersten Stücke von Strauß empfand ich damals 1989 als eine Art einführende Mentalitätskunde für das, was uns Ostdeutschen noch bevorstehen werde.“ Der Essay Anschwellender Bocksgesang habe ihm diesen Autor noch nähergebracht. „Das war eine ziemlich harsche Abrechnung mit der Bundesrepublik und mit den 68ern.“ Deren Reaktion, die Absetzung von Strauß-Stücken, habe ihn ein bisschen an die Verhängung von Parteistrafen in der DDR erinnert.
„Danach entstand auch eine persönliche Beziehung zu Strauß. Er hat mich Matthias Hartmann empfohlen, der damals als Intendant eine Mannschaft für Bochum suchte.“ Ein neues Stück von Strauß würde er gerne nach Salzburg bringen. „Ich bin mit ihm im Gespräch, es gibt Vorschläge, das ist eines der ganz großen Vorhaben.“
Ein verborgenes Völkchen
Oberender, Jahrgang 1966, ist von Berlin über Bochum und Zürich nach Salzburg gekommen. Wie ist es mit der Umgewöhnung? „Man muss sich weiter fremd fühlen“, sagt er über diese Stadt, in der er jetzt lebt, „das ist auch eine Kontinuität.“ Energie und Neugier haben ihn hierhergebracht. Hat er Salzburg inzwischen auch hassen gelernt, wie das etwa bei Thomas Bernhard der Fall war? „Da lasse ich mir noch Zeit, das können die Österreicher viel besser, da komme ich gar nicht ran. Ich lerne das Fremde noch kennen. Salzburger trifft man hier ohnehin nicht, das ist ein verborgenes Völkchen in seinen Innenhöfen.“
Ein Fest für Boris, Thomas Bernhards Debütstück, wird Oberenders Einstand am kommenden Freitag sein. Vor vier Jahrzehnten war es im Auftrag der Festspiele geschrieben worden, kam aber nicht zur Aufführung, weil die Politik den Skandal fürchtete. „Es ist für mich eines der haltbaren, poetischsten Stücke Bernhards. Statt Vaterlandsbeschimpfung und Hass auf das Katholische ein raffiniertes Spiel zwischen Beckett und Genet. Es hätte damals (1966) seine große Stunde gehabt“, sagt Oberender über dieses Drama, mit dem er nun seinen Einstand in Salzburg feiert. „Bernhard reagierte mit seinem Boris auf das Karajan-Salzburg und den Hype um Boris Godunow – so entstand Bernhards Travestie auf Salzburgs „Jedermann“. Es ist ein Stück über den Kapitalismus schlechthin, knapp vor der Studentenbewegung entstanden. Bernhard hat diese Art von Konsumismus, mit der der Kapitalismus uns knechtet, angeprangert. Es ist eine Parabel von Herr und Knecht. Erlösung findet nicht statt. Ich gehe fest davon aus, dass es noch immer nicht gemocht wird und dennoch unwiderstehlich ist.“
Warum hat Oberender Heiner Müllers Quartett, ebenfalls ein schwarzes Stück, für seine erste Saison gewählt? „Ich fand es höchst an der Zeit, dass er in Salzburg präsent ist. Müller ist für mich ein Dichter von europäischem Rang. Und das Stück ist ja nicht nur schwarz und abgründig, sondern auch sehr brillant und unterhaltsam. Salzburgs barocke Residenz ist ein wunderbarer Ort, um dieses religiöse Stück, wie Müller es selbst nannte, neu zu interpretieren.“
Was wird es also Neues geben? „Das Neue ist nicht länger an Stücke gebunden. Luk Perceval etwa entwickelte mit Ensemble und Autoren sein Molière-Projekt auf Grundlage der bekannten Klassiker. Entstanden ist eine ganz neue, drastische Passionsgeschichte eines Helden, der nach Liebe sucht und nur Geld findet.“
Auch Bernhard wird neu betrachtet. „Ich will wissen, wie meine Generation mit diesen Klassikern umgeht. Wir wollen Konstellationen bilden, die es sonst beim Stadttheater nicht gibt. Ich bin sicher, auch der „Sommernachtstraum“ wird einer, den Sie so noch nicht gesehen haben. Wir müssen Maßstäbe setzen, nicht Trends. Mode wird an der Peripherie gemacht. Hier in Salzburg können wir Stoffe in einer Dimension produzieren, die Stadttheater nicht hervorbringt. Den Dingen muss eine Nachdenklichkeit innewohnen, die ein Gespräch provoziert. Galaprogramm allein wäre zu wenig.“
FESTSPIELTHEATER: Der Neue
Als Autor wurde Thomas Oberender Mitte der Neunzigerjahre durch Theaterstücke bekannt. 2000 Dramaturg in Bochum, 2005 Co-Direktor am Schauspielhaus Zürich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2007)