Der große Schauspieler Ulrich Mühe ist am Sonntag in Walbeck gestorben. In seiner berühmtesten Rolle verkörperte er das Gute im Bösen - in "Das Leben der Anderen".
In seiner berühmtesten Rolle verkörperte der ostdeutsche Schauspieler Ulrich Mühe im Vorjahr das Gute im Bösen. Er spielte im Kinofilm „Das Leben der Anderen“ den Stasi-Mann Gerd Wiesler, der einen als regimetreu geltenden Dramatiker überwachen soll. Durch den Kontakt mit der Künstlerszene wird Wiesler gewendet, schützt heimlich den Überwachten. Vielleicht hat dieses ungewöhnliche Heldentum dazu beigetragen, dass Florian Henckel von Donnersmarcks Werk mit ziemlich jedem Preis in Deutschland, mit europäischen Prämierungen und zuletzt 2007 sogar mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde. Er lässt an das Gute im Menschen glauben.
Ulrich Mühe war der Star in „Das Leben der Anderen“, er hat darin gewissermaßen auch sein eigenes Leben gespielt, denn die DDR hat auch ihn überwachen lassen, und diese Geschichte hatte kein Happy Ending wie in Hollywood. 2006 enthüllte Mühe, dass er herausgefunden habe, seine Ex-Frau Jenny Gröllmann sei ein auf ihn angesetzter Spitzel gewesen. Die berühmte Ostberliner Schauspielerin bestritt das vehement. Ein zermürbender Gerichtsstreit folgte. Gröllmann starb im Vorjahr an Krebs. Nun ist auch Mühe gestorben, mit 54, an Magenkrebs. Wahrscheinlich sind es die Spätfolgen einer schweren Operation in seiner Zeit als DDR-Grenzsoldat an der Berliner Mauer.
Starrollen bei Heiner Müller
Wie er sich in diesen Film eingelebt habe, wurde Mühe gefragt. „Ich habe mich erinnert“, sagte dieser sensible, große Charakterdarsteller aus Grimma in Sachsen, der schon in den Achtzigerjahren bei Heiner Müller reüssierte, an der Volksbühne, am Deutschen Theater in Berlin gefeiert wurde; Egmont, Hamlet, Peer Gynt – Mühe ging in diesen Rollen auf. Zur Wendezeit spielte er in Bernhard Wickis monumentaler Joseph-Roth-Verfilmung „Das Spinnennetz“ den skrupellosen Studenten Theodor Lohse im Berlin der Zwanzigerjahre, der seine Seele an Rechtsradikale verkauft. Damals, 1989, war Mühe unter jenen, die „Wir sind das Volk“ riefen und mit ihren Protesten den Untergang der DDR besiegelten.
Seither hat sich Ulrich Mühe zum vielseitigen Star entwickelt. Besonders populär war er als Gerichtsmediziner Kolmaar in der ZDF-Krimiserie „Der letzte Zeuge“, höchste Anerkennung erhielt er auf den großen Bühnen im deutschsprachigen Raum, auch in Wien. Er spielte einprägsam in der Verfilmung von Hochhuths „Der Stellvertreter“, mit seiner dritten Frau Susanne Lothar agierte er in Michael Hanekes Filmen „Das Schloss“ und „Funny Games“ sowie „Benny's Video“. Lang ist die Liste der Rollen dieses früh Verstorbenen, in Erinnerung bleibt ein souveräner, intensiver Darsteller.
TRAUMROLLEN auch in Wien
Am Burgtheater hat Ulrich Mühe 1993/94 als „Peer Gynt“ begeistert (in 3satam Samstag um 20.15Uhr zu sehen). Dafür und für den John in „Oleanna“ am Akademietheater erhielt er die Kainz-Medaille. 2000 war er dort Star in Luc Bondys Inszenierung von „Drei Mal Leben“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2007)