Der Wandel von Benita Ferrero-Waldner. Als sie nach Brüssel kam, galt sie als lächelndes Anhängsel ohne besondere Kontur. Die EU-Außen-Kommissarin im Porträt.
WIEN/BRÜSSEL. Es war ihr bisher größter Erfolg. Als die österreichische EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner die aus Libyen befreiten Geiseln auf dem Flughafen von Sofia in die Arme ihrer Angehörigen übergab, jubelte ihr halb Europa zu. Dem tat auch jene Dame keinen Abbruch, die sich noch im letzten Moment ins Bild drängte: Frankreichs First Lady Cécilia Sarkozy. Die „Financial Times“ schrieb von einem „wichtigen Erfolg für die gemeinsame Außenpolitik“. Denn Ferrero-Waldner hat den Europäern vor Augen geführt, dass die EU letztlich mehr erreichen kann als ein einzelner Staat.
Für die ehemalige österreichische Außenministerin war es aber auch ein wichtiger persönlicher Erfolg. Denn mit ihren sonstigen Themen wie der europäischen Nachbarschaft lässt sich wenig punkten. Da warten eher – wie im Falle der Ukraine – heikle Fettnäpfchen. Der Weg der Heranführung solcher Länder, ohne ihnen den Beitritt anbieten zu können, kommt einer politischen Gratwanderung gleich. Ähnlich unattraktiv war nur die Entscheidung über die Fortsetzung von finanzieller Hilfe für Palästinenser.
Als Benita Ferrero-Waldner nach Brüssel kam, war sie kein unbeschriebenes Blatt. Darauf stand allerdings nicht unbedingt nur Positives. Denn sie galt sowohl ihren Kollegen als auch den meisten EU-Beobachtern als „die Frau im Schatten Schüssels“ – ein lächelndes Anhängsel ohne besondere Kontur.
Seit Ferrero 2004 mit dem Posten der EU-Außenkommissarin über ihre Niederlage bei der österreichischen Präsidentschaftswahl hinweg getröstet wurde, hat sich ihr Profil geschärft, die Person Ferrero-Waldner als Politikerin emanzipiert. „Wir hatten sie in ihrer Rolle als Außenministerin als eher aufgeblasen erlebt; als jemand, der viel Lärm um nix macht“, meint ein langjähriger EU-Beobachter. Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer soll ihr im kleinen Kreis sogar den nicht gerade freundlichen Kosenamen „Madame Tütü“ gegeben haben. Dieses Vorurteil wurde mittlerweile großteils revidiert: „Das Bild ist viel nuancierter geworden. Ferrero ist sachlich recht beschlagen, sie beherrscht ihre Dossiers gut“, heißt es nun.
„Entschlossen und hartnäckig“
Auch wenn sich kaum jemand in EU-Kreisen dazu hinreißen lässt, der Kommissarin Brillanz zu bescheinigen, werden einige andere Eigenschaften positiv vermerkt. „Sie ist sehr entschlossen, sehr hartnäckig und sehr engagiert“, heißt es aus Ratskreisen. Dort sitzt mit dem EU-Außenrepräsentanten Javier Solana jener Mann, mit dem Ferrero sehr eng zusammenarbeiten muss. Während es bei ihrem Vorgänger Chris Patten noch den Kampf um Scheinwerferlicht und Schlagzeilen gab, haben es Ferrero und Solana geschafft, ein gutes Auskommen zu finden.
Hier war sicher hilfreich, dass Ferrero fließend Spanisch spricht und daran gewöhnt war, in der Zusammenarbeit mit einem ehrgeizigen Mann im richtigen Augenblick zurückzustecken. Vor allem aber gelang es Solana und Ferrero, die Agenden der beiden überlappenden Funktionen klarer zu trennen. Sie pfuscht ihm kaum ins Handwerk. Und auch er lässt ihr alle Bereiche rund um die Nachbarschaftspolitik – und Fragen wie die bulgarischen Krankenschwestern, in die Solana und sein Team nicht involviert waren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2007)