Markus Hinterhäuser über zu komplexe Musik, billige Karten für Studenten und eine Sause aus Italien.
In Salzburg kann man herrlich leben und wird vor allem nicht abgelenkt“, sagt der in Wien aufgewachsene Markus Hinterhäuser, der am Mozarteum studiert hat und nun der neue Konzert-Chef der Salzburger Festspiele ist, „aber auch die Fluchtmöglichkeiten müssen da sein“. Hinterhäuser ist kein Unbekannter hier. Schon ab 1991 hat er gemeinsam mit Thomas Zierhofer „zeitfluss“ gemacht, eine Schiene neuer Musik für die Festspiele. „Es war ganz neu, dass sich jemand von außen in die Festspiele hineinbegeben hat, es war auch mutig von Intendant Gérard Mortier und von Konzertchef Hans Landesmann, damals das Panorama zu erweitern.“
Die gängigen Vorurteile über Salzburg, es sei ein Society-Event für reiche Leute, hält Hinterhäuser für überholt: „Diese Klischees sind stark verankert, stimmen aber so nicht mehr. Salzburgs künstlerische Landschaft hat sich erweitert. Es gibt neue Spielstätten, neues Publikum. Die Festspiele bieten zirka 215.000 Karten an, für sehr verschiedene Bedürfnisse, natürlich auch Exklusives, sehr Teures, aber auch vieles, was sich Studenten leisten können. Und vergleichen Sie das mit einem Konzert von Barbara Streisand. Da sind wir geradezu billig! Die Festspiele produzieren vier bis fünf Opern pro Jahr. Das ist enorm aufwendig.“
Gibt es auch Projekte, die sich nicht einmal Salzburg leisten kann? „Ja, das ist mir mehr als einmal passiert. Da sagt man dann: ,Danke, es geht nicht.' Innerhalb der Festspiele gibt es eine innere Statik, diese finanzielle Struktur muss man auch einhalten. Kleinere Festivals können Höchstgagen für spezielle Gala-Events leichter bewältigen als wir. Ich koordiniere heuer 72 Konzerte, da muss man die Grenzen kennen.“
Ein Getränk, das noch gärt
Als seine wichtigste Aufgabe nennt der Konzert-Chef, „Menschen zusammenzubringen und Konstellationen zu schaffen. Nehmen wir das Scelsi-Projekt: Regisseur Christoph Marthaler, das Klangforum, die Schauspieler lassen etwas ganz Eigenes entstehen. Wir lernen uns dabei kennen. Es wird ein typisches Marthaler-Werk werden, was genau es dann sein wird, weiß ich aber noch nicht. Ich finde das schön, diesen offenen Ausgang. Das wird hier erst erdacht.“
Wie kam es zu dem Untertitel für den Kontinent Scelsi? „Das sind objets trouvés. Ich saß mit Marthaler in Basel in einer Kneipe, wir sprachen über die Sache, grübelten über den Namen, da standen auf den Tischen Kärtchen, Sause aus Italien, das ist so etwas wie Sturm, ein Getränk, das noch gärt. Beim Komponisten Giacinto Scelsi fragt man sich auch, wer der Urheber der Werke sei. Deshalb heißt das Projekt nun auch so. Es ist eine Urheberei.“
Hinterhäuser, der Virtuose, vermisst zurzeit ein wenig das Klavierspielen. „Ich fühle mich eigentlich nicht als Manager, ich sehe meine Aufgabe hier in Salzburg vor allem als künstlerische.“ Die meisten Anregungen für sein Programm holt er sich derzeit in Berlin, Wien, Paris. „Da gibt es wunderbare Sachen. Ich reise nicht so gern zu Spezialfestivals. Ich bin nicht der Typ, der jedes Jahr darauf brennt, nach Donaueschingen zu fahren. Dieses Spezialistentum baut sogleich Barrieren auf, man denkt, das sei unheimlich kompliziert. Aber auch die neue Musik wird geschrieben, um gehört zu werden. Die außerordentliche Schwierigkeit liegt darin, dass es einen Moment in der Musikgeschichte gibt, ab dem der Zuhörer sein empirisches Gedächtnis nicht mehr aktivieren kann, es wird zu komplex. Ein Konzertbesuch ist ja ein hochinteressanter sozialer Prozess. Viele Menschen kommen zusammen, zur gleichen Aufführung, doch jeder hört sein eigenes Konzert.“
Wie findet er also Kunstwerke und Künstler? „Man schickt mir Dinge zu, ich treffe Komponisten und Interpreten und denke dann darüber nach, wie ich die zusammenbringe.“ Die interessanteste Zusammenkunft heuer in Salzburg ist wohl die mit Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, in dem seit 1999 junge Musiker aus Israel und den Nachbarstaaten zusammen spielen. „Dieses Projekt ist vom politischen Anspruch nicht zu trennen. Wir haben uns gedacht, es ist gut, wenn eine große Institution wie die unsere dieses friedliche Vorhaben stützt. Das Orchester bleibt vier Wochen hier bei uns in Salzburg, mit an die 120 Menschen. Sie können in die anderen Proben gehen und zum Beispiel den Wiener Philharmonikern bei der Arbeit zuschauen. Da darf man hinkommen und einfach dabei sein. Das ist eine große Bereicherung für alle. Ich habe das Ganze eine Schule des Hörens genannt. Es gibt auch ein großes politisches Symposium dazu. Wenn es eine Frage gibt, die unseren Lebensnerv betrifft, dann ist es der Nahe Osten.“
Temperaturerhöhung muss sein
Was will Hinterhäuser an Salzburg verändern, was hat ihn verändert? „Habe ich mich verändert? Meine Ausflüge sind seltener geworden. habe ich etwas verändert? Bauplan habe ich keinen, aber ich hätte gerne, dass die Festspiele eine Temperaturerhöhung bedeuten, dass sie eine Art Ausnahmezustand sind. Sonst haben sie nämlich keinen Grund. Man muss hier seine Anker werfen. Wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann, ist es gut.“
Mischt er sich auch in andere Bereiche ein? „Es gibt keine hermetische Abriegelung. Unser Team ist in einem ständigen Austausch. Es wäre unsinnig, wenn jeder von uns einfach vor sich hin brüten würde.“
MUSIKCHEF: Der Pianist
Markus Hinterhäuser, 1959 in La Spezia geboren, in Wien aufgewachsen, studierte Klavier an der Musikhochschule in Wien und am Mozarteum in Salzburg. Anfangs war er auf Klassik und Romantik fixiert, doch nach und nach wandte sich Hinterhäuser dem zeitgenössischen Repertoire zu. 1993–2001 leitete er in Salzburg das „zeitfluss“-Festival für Neue Musik.
ORF2 sendet am 30.Juli2007 um 23:30 Uhr in „art.genossen“ ein Porträt des Künstlers und Managers. [EPA/Artinger]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2007)