Werfen Sie Schiller weg?

Mich von einem Buch trennen? Das erschiene mir als Selbstverstümmelung. Und selbst wenn ich es könnte: Wie entsorgt man Bücher richtig?

In jedem Frühjahr, in jedem Herbst das gleiche Spiel: In Hülle und Fülle werden neue Bücher präsentiert, die von den hochfahrenden Hoffnungen zeugen, die Autoren, Verleger, Buchhändler und Leser alljährlich an brandaktuelle Romane, Sachbücher oder Ratgeber knüpfen. Doch wo ein junger Trieb, da auch bald ein morscher Ast – oder wie es in Thaddäus Trolls „Entaklemmer“, der schwäbischen Version von Molières „Geizigem“, heißt: „Aus schöne Mädle werde wüschte Weiber“. Deshalb lauert hinter jedem druckfrischen Buch insgeheim die düstere Frage nach seiner fernen Zukunft: Wie wird es enden? Welche Verweildauer, welche Halbwertzeit hat es? Und wie werden seine Käufer mit ihm umgehen, vorausgesetzt, das Buch geht nicht den schrecklichen Weg sofortiger Remission und landet alsbald wieder bei seinem Produzenten?

Am besten, ich beginne bei mir selbst; da kenne ich mich halbwegs aus, und Bücherüberschüsse sind mir seit frühen Tagen vertraut. Als ich ein junger Mensch war und mein durch das Austragen des Evangelischen Gemeindeblattes Württemberg vermehrtes Taschengeld in Bücher zu investieren begann, rechnete ich hoch, wie umfangreich meine Bibliothek in 20 Jahren sein würde. Ich war von diesem Entwicklungspotenzial beeindruckt und erfreute mich im Vorhinein an dem Gedanken, Herr einer imposanten Sammlung zu werden. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, ein Mensch könne jemals ein Übermaß an Büchern besitzen und dieses Reichtums womöglich überdrüssig werden.

Diese Haltung habe ich bis heute bewahrt, obschon sie – etwa bei der Wohnungssuche – häufig zu erheblichen Problemen führte; Dachgeschoß-Etablissements mit schrägen Wänden zum Beispiel kommen für mich seit vielen Jahren nicht mehr in Frage. Wer wie ich Bücher mit Stolz anhäuft und zärtlich über ihre gut geformten Rücken streicht, wird irgendwann mit dem Problem ihrer etwaigen Entsorgung konfrontiert. Ist es wirklich notwendig, allen Büchern, die je in meinen Besitz gelangten, ein Dauerasyl in den eigenen vier Wänden einzuräumen? Und in der Tat: Ein Gang vorbei an meinen Regalen ruft Verwunderung hervor, lässt mich innehalten und vor einzelnen Exemplaren staunend ausrufen: Woher kommt ihr? Wer hat euch hergebracht? Was wollte ich einst von euch? Konkreter gesagt: Zweifelsohne besitze ich Werke, deren Notwendigkeit mir heute nicht recht einleuchtet und die ich möglicherweise nicht wirklich vermissen würde.

Einige Beispiele: Was tun mit den so genannten Frauenromanen aus den Siebzigerjahren, mit Verena Stefans „Häutungen“ oder Christa Reinigs „Entmannung“, einem Titel, den aufgeschlossene Männer damals, ohne mit der Wimper zu zucken, bei ihrer feministisch geschulten Buchhändlerin orderten? Ganz zu schweigen von den Frauenromanen der Neunzigerjahre, von Hera Linds „Superweib“ etwa, das sich merkwürdigerweise in meiner Sammlung findet, als Trojanisches Pferd gewissermaßen... Und was anfangen mit jenen Anschaffungen verblichener Tage, die dem Zeitgeist huldigten, obwohl man sich selbst liebend gern einredet, solchen Einflüsterungen gegenüber immun zu sein? Was also tun mit den ökologisch-pazifistischen einwandfreien Reden des Südseehäuptlings Papalagi, die damals wie geschnitten Brot gingen, mit Franz Alts „Frieden ist möglich“, das man wie einen Heilsbringer in der Parkatasche trug, als es auf die Heilbronner Waldheide ging, um gegen Pershing-II-Raketen zu demonstrieren? Ja, selbst Christa Wolfs „Kassandra“ gehört in diese Preis- und Schießklasse, dieser mythenselige Roman, den männliche Literaturwissenschaftler anno dazumal nutzten, die feminine Seite in sich zu entdecken und in Vorlesungen zur Schau zu tragen? Keine Sorge, natürlich darf „Kassandra“ bleiben, allein aus literarhistorischen Gründen, genauso wie die blassblaue Werkausgabe der Rahel Varnhagen, die es seinerzeit preiswert bei Zweitausendeins gab und die sich, da bin ich mir sicher, fast bei allen Käufern noch heute in tadellosem, vermutlich ungelesenem Zustand befindet.

Bleiben dürfen auch die Lieblingsbücher der Kindheit, Hans Schranz' „Bei uns ist immer was los“, wo die Mutter Mü hieß und unter der anfangs schrecklichen Vermieterin Frau Reims litt, und der köstliche Internatsroman „Immer dieser Fredy!“, den der leider in Vergessenheit geratene englische Autor Anthony Buckeridge schrieb. Lesen werde ich ihn vermutlich nie wieder – es sei denn, ich darf alsbald einen großen Anthony-Buckeridge-Kongress mit einem Festvortrag eröffnen.

Tief in mir sehe ich selbst die entlegenstenakademischen Studien (etwa Rolf Zuberbühlers Doktorarbeit zur Bedeutung der Neufundländer in Theodor Fontanes Romanen) und die verworrensten spätmittelalterlichen Epen als Wegmarken meiner Biografie, und der Entschluss, mich von einem dieser Puzzlesteine zu trennen, erschiene mir als unverantwortliche Selbstverstümmelung.

Andere Menschen sehen das anders: Mit Argwohn lese ich, wie die amerikanische Drehbuchautorin Helene Hanff Hand an ihre Bestände legt: „Jedes Jahr im Frühjahr mache ich Bücher-Großputz und werfe die hinaus, die ich nie wieder lesen werde, so wie ich alte Kleider, die ich nie wieder tragen werde, wegwerfe.“ Mit Groll höre ich pragmatisch veranlagten Zeitgenossen zu, die ein Nullsummenspiel betreiben und für jedes neu angeschaffte Buch eines aus dem Haus tragen, ins Antiquariat, zur Diakonie oder zu Ebay. Ja, es soll, wie sich neulich nachverfolgen ließ, sogar ehrwürdige Rezensenten großer deutscher Tageszeitungen geben, die ihre Rezensionsexemplare sofort bei Ebay einstellen und von Käufern brav dafür gelobt werden, dass es sich um so fein eingeschweißte, verlagsneue Stücke handele.

Mit Ekel wende ich mich von Frauen ab, die in ihren Wohnzimmern partout keine Buchregale dulden – „So viele Bücher erdrücken mich“ – und stattdessen sturzhässliche Vitrinen oder Nussbaum-Sideboards mit selbstgemalten Aquarellen aufstellen. Psychologisch verbrämte Haltungen wie „Man muss auch loslassen können“ oder „Besitz belastet“ lehne ich, wenn es um Bücher geht, kategorisch ab, und so schön Janis Joplins Lied „Me and Bobby McGee“ auch war und ist: Die Zeile „Freedom's just another word for nothing left to lose“ sagte mir buchtechnischnie etwas; so viel Freiheit brauche ich nicht, zumindest nicht beim Anblick meiner lieben Staubfänger. Selbst meiner eigenen Frau begegne ich mit Skepsis, seitdem sie mit merkwürdig glücklichem Gesichtsausdruck Kartons mit Kriminalromanen auffüllte, die sie „nie wieder“ lesen werde, und diese einem uns persönlich völlig unbekannten Antiquar für einen lächerlichen Betrag in die Hand drückte. Ja, mir wollte scheinen, als hätte sie diesem wildfremden Bücherverwerter glücklich nachgewinkt, als er mit unseren Schätzen in den Aufzug stieg. Nie empfand ich eine größere Fremdheit gegenüber meiner Gemahlin.

Überhaupt verrät der Umgang mit Büchern sehr viel über den Charakter eines Menschen. Sage mir, wie du liest, und ich sage dir, wer du bist: Ist es nicht ein schreckliches Bild, ansehen zu müssen, wie Menschen ein Buch bei der Lektüre um mehr als 100 Grad öffnen oder Taschenbücher zur Gänze umklappen? So lange, bis die Klebebindung ihren Geist aufgibt und die ersten Seiten wie verwehte Blätter im Nachsommer zu Boden sinken. Und was soll man von Lesern halten, die liebevoll bedruckte Seiten zu Eselsohren umschlagen oder gar den Schutzumschlag als Lesezeichen verwenden, seine von Druckereien genau ausgewogene Anschmiegung an den Buchblock ignorieren, bis der Schutzumschlag auslappt und wie eine zwei Nummern zu groß gekaufte Jogginghose aussieht?

Ich kann mich nicht von Büchern trennen, und selbst wenn ich diese Absicht fassen würde, fiele es mir schwer, eine halbwegs erträgliche Methode der Entsorgung zu wählen. Auch der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar kannte dieses ethische Dilemma und fand, zumindest für eine seiner literarischen Figuren, eine zumutbare Lösung: „Bücher auf gute Art loszuwerden ist ein schwieriges Problem. Manchmal vergesse ich eines absichtlich in der Straßenbahn. Oder auf einer Bank im Stadtpark. Lieber im Stadtpark. Eine schnöde Haltung, nicht? Mir ist auch immer ein bisschen flau dabei zumute. Als beginge ich eine Sünde wider den Geist.“ Polgars elegante Art, gleichsam zufällig ein nicht mehr benötigtes Buch zu „vergessen“, mag man tolerieren. Alle anderen Wege scheinen mir seltsam unzivilisiert. Oder würden Sie leichten Herzens ihre alte, liebevoll mit Kugelschreiber verzierte Reclam-Ausgabe von Schillers „Wallenstein“ in den Hausmüll zu Cornflakespackungen und Käserinden geben, nur weil sie die Schiller-Ausgabe des Aufbau-Verlags subskribiert und deshalb bald genug „Wallenstein“ im Haus haben? Oder fiele es Ihnen leichter, ökologisches Bewusstsein zu zeigen und die einst begierig angeschaffte Sekundärliteratur zu Erich Mühsams Gesamtwerk in den Altpapiercontainer zu werfen? Dorthin, wo Ikea-Kartonagen und die alten Jahrgänge der „Frankfurter Allgemeinen“ darauf warten, dem normalen Müll zugeführt zu werden?

Nicht nur im Hause des Kritikers wachsen die Bücherberge allenthalben, und so nimmt es nicht wunder, dass auch die Verantwortlichen in öffentlichen Bibliotheken Maßnahmen ergreifen, ihren kostbaren Lagerraum freizuschaufeln. Für Aufsehen sorgte vor ein paar Jahren Andreas Anderhub, Direktor der Mainzer Universitätsbibliothek, als er anregte, vermeintlich überflüssige Titel zur Entsorgung freizugeben. Dem Mainzer Großreinemachen sollten, so das Ausscheidungskriterium, alle vor 1990 erschienenen Bücher zum Opfer fallen, die während der letzten 15 Jahre vergeblich auf studentisches oder professorales Ausleihbegehren warteten. Banausen- und Barbarentum warf man dem nüchtern denkenden Direktor Anderhub daraufhin vor, und in der Tat scheinen seine Entsorgungsrichtlinien nicht zu berücksichtigen, dass wissenschaftlicher und literarischer Ruhm nicht selten mit Verzögerung eintritt. Das Nicht-Ausleihen eines Buches gibt keinen definitiven Aufschluss über seine – vielleicht sehr verborgenen – Qualitäten. Ich selbst zum Beispiel setze bis zum heutigen Tage fest darauf, dass die erzählerische Kraft meines 1980 im Stuttgarter Kranich Verlag erschienenen Prosadebüts, „Der Tod der Pferde“, demnächst erkannt wird – auch wenn die Ausleihfrequenzen in Mainz und anderswo bislang unbefriedigend sind.

So ist es, und so soll es bleiben. Ich werfe nichts weg, Schiller schon gar nicht. Wie man Bücher richtig entsorgt, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin scheine ich mit dieser Haltung nicht ganz allein zu sein: Die Frau eines Schulfreundes erzählte mir vor kurzem, wie sie Kisten mit auszurangierenden Titeln gepackt – ihr büchernärrischer Mann weilte gerade im Ausland – und diese in den Kofferraum ihres Kleinwagens verstaut habe. Wochen später – so die Frau, die die Bücher entsorgen wollte – fahre sie noch immer mit den Kisten durch die Gegend, unfähig, ihr Werk der Vernichtung zu vollenden oder wenigstens ein Altersheim zu beglücken. Vielleicht wird ihre Reise nie zu Ende sein, und noch in Jahren werden die Bücher bei ihr sein, wenn nicht im Regal, dann wenigstens im Auto. Irgendwie eine sympathische Frau. Mein Schulfreund war schon immer ein Mann guten Geschmacks. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)