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Der Blick fürs Besondere

Was braucht Architektur nötiger: besseres Mittelmaß – oder spektakuläre Spitzenleistungen? Versuch einer Abwägung.

Die Frage des Professors an die Vortragende lautete sinngemäß, ob man nicht, in Anbetracht der großen Zahl von Studierenden des Fachs Architektur, das Niveau des Durchschnitts heben müsse. Eine Frage, durchaus berechtigt, im Prinzip jedenfalls. Gestellt wurde sie vor Kurzem anlässlich der Neubesetzung der Professorenstelle in der Nachfolge von Helmut Richter an der Technischen Universität Wien. Als unmittelbare Reaktion auf den zuvor heftig akklamierten Vortrag der Kandidatin verstanden sie einige der Zuhörer als Gegenposition zum eben Vorgebrachten. Darin wurde Baudrillard zitiert mit philosophisch anspruchsvollen Fragen nach der Existenz von Architektur jenseits ihrer jetzigen Realität – als radikale Herausforderung und nicht nur als Management des Raums. Es wurde von der Bauaufgabe als intellektueller Herausforderung gesprochen und vom Hinterfragen und Ausweiten von Grenzen.

Als der Professor seine Frage präzisierte und auf den Barock verwies mit einem allgemein verständlichen Regelwerk, das auch der Architektur des Alltags dieser Epoche eine hohe Qualität gesichert habe, meinte manch einer im Auditorium, ein Lob auf das Mittelmaß herauszuhören, und wollte die Frage nicht nur als Kontra, sondern als Provokation verstanden wissen. Implizierte sie nicht die Meinung, dass mit einer Architekturauffassung, in der nicht nur die beste, sondern auch eine im Wortsinn außergewöhnliche Lösung für eine Bauaufgabe angestrebt wird, der Durchschnitt nicht „belehrt“ werden könne? Ließ diese Frage nicht den Umkehrschluss zu, wonach sich die Lehre auf einer für alle offenen Universität am kreativen Potenzial des Durchschnitts zu orientieren habe? Und hieße das folglich, dass die dafür adäquate Wissensvermittlung sich auf die Thematisierung von Standards und Reglements beschränken solle?

Zugegeben, nachdem wir in einer Zeit leben, in der das Besondere allzu oft mit dem Exaltierten gleichgesetzt wird, könnte man gegen den Drang nach Besonderem heute eine Aversion entwickeln. Was ist nicht alles – auch in der Architektur – absolut einmalig, „megageil und supercool“, wird zum Superlativ erhoben, zum Event gemacht und zum Teil der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie? In Bilbao muss man gewesen sein; neuerdings wäre sogar Wolfsburg eine Reise wert oder Akron in Ohio (USA), das wir erst auf der Landkarte suchen müssten.

Diese aufwendig hergestellten, meist monumentalen Einzelstücke einer zur Kunst erhobenen Architektur erfahren ein enormes internationales Echo, sie ziehen in die Newsrooms der Radio- und Fernsehsender ein und werden ausschließlich über ihren Oberflächenglanz beschrieben wie Pretiosen, mit denen sich Politik und Wirtschaft schmücken können. Der Aktienwert ihrer Architekten steigt mit jedem fertiggestellten „Großereignis“.

Für eine vom Konsum gesättigte Gesellschaft könnte der Wert dieser Bauten, die schon in die Kunstgeschichte eingehen, ehe sie ihre Gebrauchstüchtigkeit bewiesen haben, darin liegen, dass sie den Begriff der Ästhetik in die Gestaltung unserer Umwelt bringen. Die Möglichkeitsform „könnte“ ist verwendet, weil empirische Untersuchungen des deutschen Psychologen Riklef Rambow verdeutlichen, dass diese Architektur, auch wenn die Menschen ihr positiv gegenüberstehen, als etwas Abgehobenes gesehen wird, das sie mit ihrem Leben und ihren Gestaltungsmöglichkeiten nicht in Verbindung bringen.

Für die meisten Menschen ist Architektur nicht mehr als ein selbstverständlicher Hintergrund ihres Alltags. Indem sie uns allerorts umgibt, verankert sie uns in der Alltagswelt, die unsere Aufmerksamkeit für anderes als für Architektur einfordert. Für unser Tun und Handeln ist Architektur ein Rahmen, der Halt und Sicherheit gibt, aber nicht bewusst wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden will. Architektur ist das Vertraute, Bekannte. Deshalb fällt es den meisten Menschen so schwer, neue, noch nicht konnotativ besetzte Architektur anzunehmen. Das trifft, aus den genannten Gründen erklärbar, besonders für Bauten zu, die in ihr tägliches Aktionsfeld gesetzt werden. Fremd und „ungewohnt“ stellen sie eine Irritation per se dar, ihre Ablehnung hat daher nichts mit einem Qualitätsbegriff zu tun, sondern damit, dass noch nicht genug Zeit blieb, sie in die Alltagsroutine einzubetten.

Jedes Bauwerk lebt aus seinem Gebrauchswert, daher sind Funktionserfüllung und Gebrauchsfähigkeit Voraussetzungen für Architektur. Was eine Architektur zur Kulturleistung, zu Baukultur in der Bedeutung gebauter Qualität macht, ist aber weit mehr als das. Eindeutig definierbar ist dieses „Mehr“ nicht, existiert doch darüber weder ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens noch ein gültiger Wertebegriff einer wissenschaftlich fundierten Erkenntnis.

Baukultur schafft und sichert Lebensqualität, stellt der soeben im Auftrag der Regierung herausgegebene Baukulturreport fest. Das Engagement einer Gesellschaft für gutes Bauen wird eingefordert, weil es vom Respekt gegenüber dem Menschen zeugt, seine Bedürfnisse ernst nimmt und mit höchstem Anspruch in Gebautes übersetzt. Der Auftrag ergeht auch an die Universitäten als Teil des gesellschaftlichen Wirkens.

Statik und Hochbaukonstruktion, Materialkunde und Bauphysik müssen selbstverständlich Inhalt der Hochschullehre sein, weil ihre Kenntnis ein solides Fundament ist und dem Studenten ein nützliches Werkzeug in die Hand gibt. Darüber hinaus hat ein Hochschullehrer die Aufgabe, jeden – und nicht nur den talentierten – Studenten zu ermutigen, Wissen und Fantasie einzusetzen, um seine Grenzen zu überschreiten und das unmöglich Scheinende möglich zu machen. Warum? In allen wissenschaftlichen Fächern ist dies der Auftrag zu Erkenntnisgewinnung, Forschung und Fortschritt (Herrje, dieser Vergleich, wo doch die Diskussion darüber, ob Architektur eine Wissenschaft ist, längst nicht entschieden ist). Die Technische Universität muss als höchste österreichische Institution der Architekturausbildung ein Experimentierfeld sein können, auch, um sich abzugrenzen gegen die Pragmatik der Ausbildung an der Fachhochschule und der HTL.

Klar, der Professor als Animateur – das ist mühsam. Sein Bemühen wird auch bei vorhandener Fähigkeit, zu vermitteln, nur bei einem kleinen Prozentsatz von Studenten Erfolge zeitigen. Regelwerke vorzulegen kann dennoch nicht alles sein, denn sie sind Gebrauchsanweisungen und als solche kaum dazu angetan, den Studenten zu selbstständigem Denken anzuregen. Der durchschnittlich begabte Student wird nicht durch Durchschnittlichkeit motiviert, sich mehr an Wissen anzueignen, sondern ausschließlich über die Konfrontation mit Qualität, durch die Kenntnis von Herausragendem. Er muss Blick, Intuition und Verständnis für das Besondere entwickeln können. Das lässt sich kaum im vordergründig Auffälligen finden und gar nicht in mittelmäßiger Architektur, wohl aber in den intelligenten Produkten von alltäglichen Bauaufgaben, von denen im vorangegangenen Vortrag die Rede war. So hätte ich Ihre Frage beantwortet, Herr Professor Franck-Oberaspach. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)